Wessen Land
Wem gehört ein Land, das zwei Völker mit derselben Notwendigkeit beanspruchen?
Über Anspruch, Trauma und die Unmöglichkeit einer gerechten Antwort
Prolog
Der Olivenbaum
In Al-Walajah, südlich von Jerusalem im besetzten Westjordanland, steht ein Olivenbaum. Experten schätzen sein Alter auf 3.000 bis 5.500 Jahre. Bei der oberen Schätzung wäre er älter als die Pyramiden von Gizeh. Jedenfalls älter als das Christentum. Älter als der Islam.
Salah Abu Ali, 52, ist sein offizieller Hüter. Das palästinensische Landwirtschaftsministerium hat den Baum als nationales Naturerbe anerkannt und Abu Ali als Wächter eingesetzt. Seit 1967 ist Al-Walajah besetztes Gebiet. Das Westjordanland steht unter israelischer Militärkontrolle. Rund 500.000 israelische Siedler leben dort. Auf einem Land, das nach internationalem Recht palästinensisch ist.
Während der Olivenernte greifen diese israelischen Siedler regelmäßig palästinensische Bauern an. Verbrennen Bäume, versperren den Zugang zu den Feldern. Allein im Oktober 2025 über 2.350 dokumentierte Angriffe. Strafrechtliche Konsequenzen für die Täter gibt es kaum.
Abu Alis Baum ist bisher verschont geblieben. Aber er weiß, dass das keine Garantie ist. Wenige Schritte entfernt steht die israelische Sperranlage. Fünf Meter hoch, gekrönt mit Stacheldraht.
Ein Baum, womöglich 5.000 Jahre alt. Zwei Völker, die dasselbe Land als ihre Heimat beanspruchen. Beide mit einer Geschichte, die diesen Anspruch begründet. Beide mit einem Trauma, das ihn unverhandelbar macht.
Das ist kein Konflikt zwischen Gut und Böse. Es ist ein Konflikt zwischen zwei Wahrheiten, die sich gegenseitig ausschließen. Und mittendrin ein Olivenbaum, der älter ist als beide.
Die lange Vorgeschichte
Das Versprechen
Im ersten Buch Mose, der Genesis, verspricht Gott dem Patriarchen Abraham das Land Kanaan als ewiges Erbe für seine Nachkommen. Dieser Anspruch, tausende Jahre alt, ist für religiöse Juden kein historisches Dokument. Er ist ein göttliches Versprechen. Unverhandelbar, unverjährbar, unveräußerlich. Jedwede Infragestellung ein Sakrileg.
Abraham hat zwei Söhne. Ismail, der Ältere, geboren von der Sklavin Hagar. Und Isaak, geboren von seiner Frau Sara. Das Judentum sieht sich als Nachkommen von Isaak. Der Islam hingegen von Ismail. In der Bibel sagt Gott ausdrücklich, dass das verheißene Land durch Isaak und dessen Nachkommen in Besitz genommen werden soll, nicht durch Ismail. Aus islamischer Sicht wurde die Bibel in diesem Punkt jedoch durch Menschen verfälscht.
Zwei Religionen. Derselbe Gott. Derselbe Urvater. Und zwei völlig verschiedene Überlieferungen darüber, wem das Land gehört.
Für säkulare Betrachter, religiöse Muslime und Christen sowie für die internationale Rechtsgemeinschaft ist eine religiöse Überlieferung ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit. Die Frage, welche von beiden Sichtweisen im 21. Jahrhundert gelten soll, ist keine theologische. Sie ist eine politische.
Das biblische Versprechen ist dennoch lebendig. Seine Einlösung ungewiss.
Das Land
Das Land, das die Bibel Kanaan nennt, war seit Jahrtausenden von verschiedenen Völkern besiedelt und beherrscht. Israelitische Königreiche. Babylonische Eroberung. Römische Herrschaft und die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 nach Christus. Die Römer vertrieben die Juden aus Jerusalem. Die Diaspora begann.
637 nach Christus eroberten muslimische Heere von der Arabischen Halbinsel das Land. Der Islam verbreitete sich. Die überwiegend christliche Bevölkerung konvertierte über Jahrhunderte schrittweise zum Islam. Jerusalem wurde zur drittheiligsten Stadt des Islam. Es folgten Kreuzfahrer, Mamluken, Osmanen. Ab 1517 regierte das Osmanische Reich, ein islamisches Kalifat, das Land. Vier Jahrhunderte lang, bis ins frühe 20. Jahrhundert. Die Bevölkerung blieb dabei mehrheitlich muslimisch, mit christlichen und jüdischen Minderheiten.
Viele kamen, um zu herrschen. Viele gingen wieder. Juden und Araber blieben.
Die heutigen Palästinenser stammen von der gemischten Bevölkerung ab, die über Jahrtausende in diesem Land lebte. Auch von jenen, die einst Israeliten waren und blieben. Wer zuerst da war, begründet im Völkerrecht aber keinen Anspruch auf Territorium.
Was den Streit eigentlich antreibt, ist etwas anderes. Beide Seiten erleben den Anspruch auf dieses Land nicht als Wunsch, sondern als Voraussetzung ihrer Sicherheit und ihrer Identität als Volk. Genau das macht ihn unverhandelbar. Und genau deshalb dauert der Konflikt an.
Das Palästina vor 1882
Als die zionistische Bewegung im späten 19. Jahrhundert entstand, war Palästina eine osmanische Provinz. Rund 500.000 Menschen lebten dort, überwiegend arabisch, muslimisch und christlich. Eine kleine jüdische Gemeinde existierte seit Jahrhunderten, konzentriert in den heiligen Städten Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron. Sie machte etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus.
Das Nebeneinander war nicht spannungsfrei. Aber es war kein nationalistischer Konflikt. Nationale Identitäten im modernen Sinn existierten noch kaum. Weder bei der arabischen Mehrheit noch bei der jüdischen Minderheit. Die arabische Bevölkerung verstand sich in erster Linie als osmanische Untertanen. Als Muslime oder Christen. Als Angehörige ihrer Familie oder ihres Dorfes. Die ansässige jüdische Gemeinde definierte sich vor allem religiös. Als Teil der jüdischen Glaubensgemeinschaft in den heiligen Städten. Nicht als nationale Bewegung. Der Gedanke eines palästinensischen Nationalstaates war noch nicht geboren. Der eines jüdischen erst im Entstehen.
Die Erste Alija
1882 setzte die erste große jüdische Einwanderungswelle ein, die Erste Alija. In jenem osmanischen Verwaltungsgebiet mit seiner arabischen Mehrheit und seiner kleinen, bereits ansässigen jüdischen Gemeinde. Es umfasste das Gebiet des heutigen Israel, des Westjordanlands und des Gazastreifens.
Lokale Konflikte waren in der osmanischen Provinz nichts Ungewöhnliches. Zwischen Dörfern, Familien, religiösen Gruppen aller Art. Gelegentlich auch gegen die alte jüdische Gemeinde in Safed oder Hebron. Doch mit den neuen Siedlungen entstand 1882 eine andere Art von Konflikt. Im Gründungsjahr kam es bereits zur ersten dokumentierten Gewalt um Landnahme. Ein Wächter erschoss versehentlich einen Araber, die Nachbarschaft griff die Siedlung an. Wenige Jahre später wiederholte sich das Muster anderswo. Diesmal um Weiderechte. Der israelische Historiker Benny Morris zählt das zu den frühesten belegten Zusammenstößen zwischen den neuen Siedlern und der ansässigen Bevölkerung.
Das blieb jedoch nicht auf einzelne Vorfälle beschränkt. Jüdische Organisationen kauften systematisch Land. Oft von abwesenden Großgrundbesitzern, die in Beirut oder Damaskus lebten. Die Bauern, die dieses Land seit Generationen bestellt hatten, besaßen keine formalen Rechte daran. Sie wurden vertrieben, sobald die neuen Eigentümer es forderten. Das war keine Gewalt im eigentlichen Sinn. Es war Verdrängung durch Vertragsrecht. Und sie traf mehr Menschen als jeder einzelne Zusammenstoß.
Der Konflikt begann also nicht erst mit der israelischen Staatsgründung. Er begann schon lange zuvor.
Zwei Nationalismen, beide legitim in ihrem Kern, kollidierten auf demselben Territorium. Dieser Zusammenprall war nicht unvermeidlich. Aber er war vorhergesagt worden. Von arabischen Intellektuellen ebenso wie von manchen jüdischen Einwanderern selbst.
Was den Konflikt zu einem nationalistischen machte, kam jedoch von außen. Aus Europa. Mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts und der Idee, dass ein Volk ein Territorium braucht, das ihm allein gehört. Diese Idee traf auf ein Land, das bereits bewohnt war. Mit Folgen, die bis heute andauern.

Der Zionismus
Eine Bewegung als Reaktion auf Verfolgung
Der politische Zionismus entstand nicht aus religiöser Überzeugung. Er entstand aus Verzweiflung.
Theodor Herzl, ein österreichisch-ungarischer Journalist, erlebte 1894 in Paris den Dreyfus-Prozess. Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier der französischen Armee, wurde fälschlicherweise des Hochverrats angeklagt. Herzl sah, wie trotz der Emanzipationsbewegung des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus in Europa tief verwurzelt blieb. Seine Schlussfolgerung war radikal. Juden werden in Europa niemals vollständig akzeptiert werden. Die einzige Lösung ist ein eigener Staat.
1896 veröffentlichte er seine Programmschrift "Der Judenstaat", in der er die Gründung eines eigenen jüdischen Staates als einzige dauerhafte Antwort auf den europäischen Antisemitismus forderte. 1897 organisierte er den ersten Zionistischen Weltkongress in Basel. Das Ziel war klar. Eine international anerkannte Heimstätte für das jüdische Volk.
Wo diese Heimstätte entstehen sollte, war zunächst offen. Uganda wurde diskutiert. Argentinien ebenfalls. Palästina setzte sich durch, weil es die historische und religiöse Verbindung zum jüdischen Volk trug. Das Land der Vorväter. Zion.
Die frühen Zionisten verstanden Palästina teils als fast menschenleer, was historisch falsch war. Der Slogan "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" spiegelt diese Wahrnehmung. Er war eine Projektion, keine Beschreibung. Das Land hatte eine Bevölkerung. Sie wurde in der zionistischen Erzählung zunächst kaum gesehen. Das Wunschdenken überwog offensichtlich.
Die Bewegung wuchs erstaunlich rasch. Wohlhabende Förderer wie Baron Edmond de Rothschild finanzierten neue Siedlungen. 1901 entstand der Jewish National Fund zum systematischen Landkauf.
Ab 1904 kam mit der Zweiten Alija eine, vor allem ideologisch geprägtere Welle. Sie wollte unter der Parole der "Eroberung der Arbeit" nur noch jüdische Arbeitskräfte beschäftigen und verschärfte damit die Verdrängung der arabischen Landbevölkerung.
Was als Idee eines einzelnen Journalisten begonnen hatte, war binnen zwei Jahrzehnten zu einer internationalen Bewegung mit eigenen Institutionen geworden.
Der Erste Weltkrieg brachte diesen Aufschwung abrupt zum Stillstand. Durch osmanische Ausweisungen sank der jüdische Bevölkerungsanteil bis 1918 auf unter zehn Prozent. Eine Bewegung, die gerade noch gewachsen war, stand am Ende des Krieges geschwächt da, und brauchte mehr als je zuvor eine Großmacht, die ihrem Anspruch politisches Gewicht verlieh.
Das imperiale Erbe
Eine Zusage, die niemand einzuhalten gedachte
Am 2. November 1917 schrieb der britische Außenminister Arthur James Balfour einen Brief an Lord Walter Rothschild, einen führenden Vertreter der britischen jüdischen Gemeinschaft. Die entscheidende Formulierung lautete, dass die britische Regierung die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen betrachte. Wobei klar sein soll, dass nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte.
Dieser zweite Teil wird bis heute kaum zitiert. Er wurde auch nie ernsthaft umgesetzt.
Was trieb die britische Regierung an? Nicht humanitäre Überzeugung, sondern imperiale Strategie. Großbritannien führte einen erschöpfenden Krieg und hoffte, durch eine Zusage an die zionistische Bewegung jüdischen Einfluss in Washington und Petrograd für sich zu gewinnen. Diese Annahme war in ihrer Grundstruktur antisemitisch. Sie unterstellte einer ethnisch-religiösen Gruppe eine kollektive Macht, die sie so nicht besaß. Gleichzeitig sah London in einem loyalen jüdischen Klientelstaat nahe dem Suezkanal einen strategischen Vorteil. Speziell nach dem erwarteten Zusammenbruch des Osmanischen Reiches.
Die arabische Bevölkerung wurde nicht gefragt. Dabei hatte Großbritannien ihr zuvor, in der Husain-McMahon-Korrespondenz von 1915 und 1916, im Gegenzug für den Kampf gegen die Osmanen die Unabhängigkeit versprochen. Auch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten.
Zwei Zusagen an zwei Völker, über dasselbe Land. Keine der beiden aus Überzeugung gegeben. Beide aus Kalkül. Menschen als Werkzeug britischer Interessen, ohne sie je zu fragen.
Die Folgen zeigten sich rasch. Unter dem 1922 etablierten britischen Mandat wuchs die jüdische Einwanderung weiter, und mit ihr der arabische Widerstand. Bereits in den 1920er Jahren kam es zu schweren Ausschreitungen. Die Saat, die Balfour gelegt hatte, ging auf. In unsägliche Gewalt. Bis zum heutigen Tag.
Die Zäsur
Holocaust, Teilungsplan, Nakba
Was folgte, veränderte die moralische Geometrie des gesamten Konflikts dramatisch.
Zwischen 1941 und 1945 ermordete das nationalsozialistische Deutschland systematisch sechs Millionen Juden. Die Shoah war kein Kriegsereignis. Sie war ein industriell organisierter Genozid.
Der Holocaust machte den Zionismus von einer politischen Option zu einer existenziellen Notwendigkeit. Wer überleben wollte, brauchte einen Staat. Diese Schlussfolgerung ist verständlich. Menschlich und auch historisch nachvollziehbar. Sie ändert trotzdem nichts an den Rechten jener, die bereits in Palästina lebten.
1947 legten die Vereinten Nationen einen Teilungsplan vor. Resolution 181. Er sah einen jüdischen und einen arabischen Staat vor. Jerusalem unter internationalem Sonderstatus. Der jüdischen Bevölkerung, die damals etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte, wurde gut die Hälfte des Territoriums zugesprochen. Die jüdische Führung akzeptierte den Plan. Die arabische Seite lehnte ihn ab.
Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Am selben Tag griffen fünf arabische Staaten an. Israel schlug den Angriff in monatelangen, verlustreichen Kämpfen zurück und gewann letztlich den Krieg.
Was damals geschah, wird in Israel Unabhängigkeitskrieg genannt. Die Palästinenser nennen es Nakba. Katastrophe.
Zwischen 700.000 und 750.000 Palästinenser flohen oder wurden vertrieben. Über 400 arabische Dörfer wurden zerstört. Der israelische Historiker Benny Morris, der die Ereignisse anhand israelischer Militärarchive untersuchte, dokumentiert, dass ein Teil dieser Vertreibungen gezielt herbeigeführt wurde, ein anderer Teil durch die Kriegswirren entstand. Beides geschah. Die Nakba war keine Naturkatastrophe. Sie war menschliche Entscheidung unter Kriegsbedingungen.
Die Vertriebenen und ihre Nachkommen, derzeit mehrere Millionen Menschen, leben noch immer in Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon, Syrien, im Westjordanland und in Gaza. Ihr Rückkehrrecht ist bis heute nicht anerkannt.
Zwei Völker, zwei Gründungserzählungen. Ein Staat, der sein Existenzrecht mit dem Holocaust begründet. Und ein Volk, das dafür einen Preis zahlt, an dessen Ursache es keine Schuld trägt.
Das Opfernarrativ
Wie kollektives Trauma zum Schutzschild wird
Kein Volk in der modernen Geschichte hat eine Verfolgung erlitten, die an Systematik und Ausmaß dem Holocaust gleichkommt. Das ist kein Meinungsstreit. Es ist belegter historischer Befund.
Dieses Trauma prägt die kollektive Psychologie Israels bis heute. Die Gründungsgeneration des Staates bestand zu erheblichen Teilen aus Überlebenden und deren Nachkommen. Die Erfahrung, dass Vernichtung möglich ist und die Welt dabei zuschaut, formte ein Sicherheitsdenken, das nicht Rhetorik ist, sondern existenzielle Überzeugung. "Nie wieder", jene Losung, die nach dem Holocaust zum zentralen Leitsatz jüdischer Erinnerungskultur wurde, ist in Israel keine Floskel. "Never Again" als zentrale israelische und jüdische Gedenkformel ist tiefste, existenzielle Überzeugung. "Le'olam lo od."
Diese psychologische Realität erklärt vieles. Sie rechtfertigt nicht alles.
Das Opfernarrativ hat eine politische Funktion entwickelt, die über die Beschreibung historischen Leids hinausgeht. Kritik an israelischer Politik wird mitunter pauschal als Antisemitismus eingeordnet. Das ist manchmal berechtigt. Antisemitismus existiert, und tarnt sich bisweilen als Israelkritik. Aber die Gleichsetzung wird auch instrumentalisiert. Wer eine nach internationalem Recht illegale Siedlungspolitik kritisiert, ist kein Antisemit. Wer die Lage in Gaza als kollektive Bestrafung einer Zivilbevölkerung beschreibt, wiederholt eine Einschätzung, die auch von UN-Sonderberichterstattern und dem Internationalen Gerichtshof geteilt wird.
Der Holocaust verstärkt die Dringlichkeit, mit der Israel sein Existenzrecht begründet. Er ist aber nicht dessen einzige Grundlage. Das Recht auf nationale Selbstbestimmung besteht unabhängig davon. Was der Holocaust jedoch nicht begründet, ist ein moralisches Recht, jede Handlung Israels der Kritik zu entziehen. Diese Unterscheidung machen selbst viele israelische Intellektuelle.
Was dabei nicht übersehen werden darf. Der Antisemitismus in Teilen der arabischen und muslimischen Welt ist real und gefährlich.

Die arabische Welt und Hamas
Mitverantwortung und ihre Grenzen
Die Palästinenser wurden von Israel vertrieben und benutzt. Sie wurden von der arabischen Welt instrumentalisiert. Und sie wurden, durch eine eigene, später bereute Strategie, von Israel selbst in eine Richtung gedrängt, die es heute militärisch bekämpft.
Nach 1948 übernahm Ägypten die Kontrolle über Gaza. Jordanien über das Westjordanland. Keiner dieser Staaten gewährte den palästinensischen Flüchtlingen volle Staatsbürgerschaft oder Integration als gleichberechtigte Bürger. Sie blieben politisches Symbol. In Lagern. Kein Volk, dem konkret geholfen werden sollte. Diese Mitverantwortung ist historisch belegt und wird im westlichen Diskurs zu selten benannt.
Aus dieser doppelten Erfahrung wuchs etwas Fatales. Von Israel militärisch besiegt, von der eigenen arabischen Führung benutzt und im Stich gelassen, wandte sich ein Teil der Palästinenser radikaleren, religiös geprägten Bewegungen zu. Hamas, gegründet 1987, entstand als palästinensischer Arm der Muslimbruderschaft. Ihre Gründungscharta enthielt offen antisemitische Formulierungen und den Aufruf zur Vernichtung Israels. Eine überarbeitete Fassung von 2017 moderierte diese Sprache teilweise, ohne jedoch die Grundpositionen aufzugeben.
Die bittere Pointe dabei, Israel selbst trug zu diesem Aufstieg bei. Die israelische Militärverwaltung in Gaza erlaubte und registrierte offiziell die islamische Wohltätigkeitsorganisation, aus der später die Hamas hervorging. Sie durfte Moscheen und Sozialeinrichtungen ausbauen, während Israel gleichzeitig mit harter Hand gegen PLO-Strukturen vorging. Der frühere israelische Militärgouverneur von Gaza hat diese Strategie einer bewussten Opposition später selbst öffentlich bestätigt. Israel hoffte auf eine religiöse Gegenbewegung zur säkularen PLO. Das Ergebnis war jedoch die stärkste islamistische Bewegung in der palästinensischen Geschichte. Eine Bewegung, von Israel gefördert, heute eine ihrer größten, existenziellen Bedrohungen.
Zur bisher schwersten Eskalation kam es mit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023. Die Hamas tötete nach israelischen Angaben rund 1.200 Menschen. Überwiegend Zivilisten. Darunter Kinder, Alte, Festivalbesucher. Es war das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Dieses Verbrechen ist ohne Einschränkung zu verurteilen.
Dennoch ändert das nichts an der Frage, wie Israels militärische Antwort darauf zu bewerten ist. Die Verurteilung des einen schließt die kritische Prüfung des anderen nicht aus.
Der Spiegel des Westens
Was unsere Reaktion über uns verrät
Der Westen reagiert auf diesen Konflikt mit einer Asymmetrie, die schwer zu übersehen ist.
Als Russland die Ukraine angriff, reagierte Europa mit Sanktionen, Waffenlieferungen und der Aufnahme von Millionen Flüchtlingen. Die Besatzung ukrainischen Territoriums wurde beim Namen genannt, Kriegsverbrechen dokumentiert, der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehle.
Im israelisch-palästinensischen Konflikt gelten gänzlich andere Maßstäbe. Zu leicht wäre es, eine schnelle Begründung zu formulieren. Fakt ist, die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland ist nach internationalem Recht illegal. Das haben UN-Resolutionen, der Internationale Gerichtshof und westliche Regierungen selbst wiederholt festgestellt. Konsequenzen gab es kaum. Warum wohl, könnte man sich fragen.
Diese Asymmetrie hat mehrere Ursachen. Die historische Schuld Europas gegenüber dem jüdischen Volk ist belegt. Der Holocaust fand in Europa statt. Mit europäischen Tätern, Mitläufern, Zuschauern. Dieses Erbe erzeugt eine Vorsicht gegenüber Kritik an Israel, die zwar verständlich ist, aber zu oft in Lähmung und Schweigen endet.
Der geopolitische Einfluss Israels und seiner Verbündeten ist ebenfalls real. Westliche Regierungen navigieren in einem Raum, in dem Beziehungen zu Washington und Tel Aviv gegen Beziehungen zur arabischen Welt abgewogen werden müssen.
Und es gibt eine mediale Asymmetrie. Empirisch untersucht, fast täglich zu beobachten. Israelische Opfer erscheinen meist mit Namen, Gesichtern, Geschichten. Palästinensische Opfer meist nur als Zahl. Und entsprechend konnotiert.
Das zu benennen ist kein Antisemitismus. Es ist Medienkritik.
Wo das Recht endet
Was gilt und was durchgesetzt wird
Das Völkerrecht ist in diesem Konflikt eindeutiger als die politische Debatte vermuten lässt.
Die UN-Resolution 242 von 1967 fordert den Rückzug israelischer Streitkräfte aus den im Sechstagekrieg besetzten Gebieten. Israel hat sich nie vollständig zurückgezogen. Die Genfer Konventionen verbieten die Ansiedlung der Zivilbevölkerung einer Besatzungsmacht im besetzten Gebiet. Die israelischen Siedlungen im Westjordanland verstoßen somit nach herrschender Rechtsauffassung gegen dieses Verbot. Der Internationale Gerichtshof bezeichnete die israelische Besatzung in seinem Gutachten vom Juli 2024 als illegal und forderte ihre Beendigung.
Auf den Terrorangriff der Hamas antwortete Israel mit einer Luft- und Bodenoffensive, die zur folgenreichsten militärischen Operation seiner Geschichte wurde. Über mehr als zwei Jahre wurde der Gazastreifen in weiten Teilen zerstört. Unabhängige Schätzungen, darunter eine vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, gehen von mehreren Zehntausend bis über hunderttausend Toten aus. Der überwiegende Teil davon Frauen und Kinder. Die Mehrheit der 2,2 Millionen Bewohner Gazas wurde mehrfach vertrieben.
Diese Verhältnismäßigkeit der Kampfführung ist Gegenstand mehrerer paralleler, aber rechtlich unterschiedlicher Verfahren. Der Internationale Strafgerichtshof erließ im November 2024 Haftbefehle gegen Ministerpräsident Netanjahu und den damaligen Verteidigungsminister Gallant. Dies wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Namentlich der Aushungerung der Zivilbevölkerung als Kriegsmethode.
Parallel dazu klagte Südafrika bereits im Dezember 2023 vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israel, wegen Verstößen gegen die Völkermordkonvention. Ein Urteil in der Hauptsache steht bis heute aus. Eine unabhängige UN-Untersuchungskommission kam 2025 zu der Einschätzung, es liege Völkermord vor. Unter Völkerrechtlern ist das weiterhin umstritten.
Die seit 2007 anhaltende Belagerung des Gazastreifens wurde von UN-Sonderberichterstattern als kollektive Bestrafung einer Zivilbevölkerung eingestuft, was nach internationalem Recht verboten ist.
Auf der anderen Seite hat Hamas durch den Beschuss israelischer Zivilgebiete und durch den Anschlag vom 7. Oktober 2023 internationale Rechtsnormen massiv verletzt.
Im Oktober 2025 einigten sich Israel und Hamas auf einen Waffenstillstand. Die Kampfhandlungen in diesem Ausmaß endeten damit, einzelne Vorfälle und gegenseitige Vorwürfe der Vertragsverletzung blieben bestehen.
Das Völkerrecht gilt für beide Seiten. Durchgesetzt wird es für keine von beiden konsequent. Das ist die eigentliche Schwäche der internationalen Ordnung in diesem Konflikt.
Die unsichtbare Hand
Wie Israel sich das alles leisten kann
Israel ist ein Land mit rund 9,9 Millionen Einwohnern. Es befindet sich seit dem Tag seiner Gründung in permanenter militärischer Bedrohung und politischer Isolation von einem Großteil der arabischen Welt. Wie ist es möglich, dass es diese Position nicht nur hält, sondern militärisch, wirtschaftlich und technologisch zu einem der am höchsten entwickelten Staaten der Region und darüber hinaus gehört?
Israel selbst hat eine starke Eigenentwicklung in Technologie, Rüstung und Landwirtschaft geleistet und ist Exporteur von Überwachungstechnologie, Drohnen und militärischer Ausrüstung. Das Start-up-Nation-Narrativ ist nicht erfunden. Es erklärt aber nur einen Teil. Die Antwort liegt nicht nur im israelischen Eigenanteil, obwohl der erheblich ist.
Die Vereinigten Staaten leisten Israel seit 1962 regelmäßige Militärhilfe. Im Rahmen eines 2016 unterzeichneten Memorandums verpflichteten sich die USA für den Zeitraum 2019 bis 2028 zu jährlichen 3,8 Milliarden Dollar. Der größte bilaterale Militärhilfevertrag in der Geschichte der USA. Hinzu kommen zusätzliche Mittel, die der Kongress in Krisenzeiten bewilligt, wie nach dem 7. Oktober 2023. Diese Unterstützung hat politische Hintergründe. Das American Israel Public Affairs Committee, AIPAC, gilt als eine der einflussreichsten Lobbyorganisationen in Washington. Mit dokumentierter Fähigkeit, nicht nur Kongressabgeordnete zu mobilisieren, sondern auch Wahlkämpfe maßgeblich zu beeinflussen.
Neben staatlicher Militärhilfe liefert auch die amerikanische Technologiebranche Unterstützung. Das Unternehmen Palantir, mitgegründet vom Investor Peter Thiel, schloss 2024 eine strategische Partnerschaft mit dem israelischen Verteidigungsministerium. Ob Palantir konkret an Israels KI-gestütztem Zielsystem namens Lavender beteiligt ist, bestreitet das Unternehmen. Eine UN-Sonderberichterstatterin sieht das anders. Lavenders Wirksamkeit ist davon unabhängig fragwürdig. Einer Recherche des israelischen Magazins +972, gestützt auf Aussagen von Geheimdienstmitarbeitern, zufolge stufte das System rund 37.000 Menschen als mutmaßliche Kämpfer ein. Bei einer geschätzten Fehlerquote von etwa zehn Prozent wären daher etwa 3.700 Personen fälschlich erfasst worden. Die israelische Armee bestreitet diese Darstellung.
Deutschland hat eine besondere Rolle. Das Luxemburger Abkommen von 1952 sah Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von drei Milliarden D-Mark vor. Seither unterstützt Deutschland Israel kontinuierlich. Auch durch den vergünstigten Verkauf von U-Booten, die nach Berichten israelischer und internationaler Medien nuklear bestückt werden können. Die moralische Verpflichtung aus der Shoah prägt die deutsche Israelpolitik bis heute.
Die jüdische Diaspora, besonders in den USA und in Frankreich, ist eine weitere Stütze. Durch Spenden, politisches Engagement, wirtschaftliche Verbindungen.
Ob Israel seine heutige militärische und wirtschaftliche Position ohne diese externe Unterstützung halten könnte, ist eine hypothetische Frage. Sicher ist, dass sie eine Abhängigkeit offenbart, die in der öffentlichen Debatte nur selten thematisiert wird.
Diese Hilfe ist aber strukturell extrem asymmetrisch verteilt. Die palästinensische Seite verfügt über keine vergleichbare Lobby in westlichen Demokratien. Sie finanziert sich stattdessen überwiegend durch internationale Geberhilfe. Die EU allein zahlte zwischen 2000 und 2025 schätzungsweise 12 bis 14 Milliarden Dollar an die Palästinensische Autonomiebehörde und das UN-Hilfswerk UNRWA. Arabische Staaten leisteten ähnlich hohe Summen, sind seit 2020 aber deutlich zurückhaltender geworden. Diese Hilfe finanziert Gehälter und humanitäre Versorgung. Sie ersetzt jedoch keine politische Vertretung, die in den Geberländern selbst auf Gesetzgebung oder Wahlen Einfluss nehmen könnte.
Der spekulative Bogen
Was folgt, ist ausdrücklich Spekulation
Wer nach dem Ausgang dieses Konflikts fragt, findet mehr mögliche Richtungen, als die öffentliche Debatte abbildet. Die meisten davon werden kaum diskutiert. Manche wären Lösungen, viele sind es nicht.
Eine Konföderation. Sie würde zwei souveräne Staaten umfassen. Mit offenen Grenzen zwischen ihnen und dem Recht, im jeweils anderen Staat zu wohnen, ohne die eigene Staatsbürgerschaft aufzugeben. Die israelischen Siedler könnten bleiben, als Bürger eines palästinensischen Staates. Das vermutlich gerechteste der hier versammelten Modelle. Allerdings getragen bisher nur von kleinen zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Die klassische Zwei-Staaten-Lösung. Seit Jahrzehnten internationaler Konsens. Sie sähe einen unabhängigen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 vor, neben einem gesicherten Israel. Die Siedlungsdichte im Westjordanland hat das jedoch inzwischen so weit unterminiert, dass ein zusammenhängendes palästinensisches Staatsgebiet kaum noch vorstellbar ist. Die Siedlerbewegung, getragen von einer siedlungsfreundlichen Regierungskoalition, spezialisierten Organisationen und radikalen Kleingruppen vor Ort, dürfte ihrem Ziel näher kommen. Auch diese Option scheitert vermutlich an der Macht des Faktischen.
Gesellschaftlicher Wandel von unten. Er würde nicht auf Regierungen warten, sondern auf eine neue Generation, der Frieden wichtiger ist als die Erzählungen ihrer Eltern. Historisch war das aber selten die entscheidende Kraft in vergleichbaren Konflikten.
Ein Ein-Staat-Modell. Es böte einen demokratischen Staat für alle Bürger zwischen Jordan und Mittelmeer. Unabhängig von Religion oder Herkunft. Auf dem Papier das gerechteste Prinzip. Es scheitert aber an der demografischen Realität. Israel als jüdischer Staat würde darin aufhören zu existieren, was für seine Bevölkerung nicht verhandelbar wäre.
Eine internationale Verwaltung. Zumindest für Gaza. Sie würde Institutionen unter externer Aufsicht aufbauen, bevor Souveränität übertragen wird. Nach dem Krieg 2023 und 2024 wiederholt diskutiert, bisher an der Frage gescheitert, wer die Kontrolle tatsächlich übernehmen sollte.
Ein innenpolitischer Wandel in Israel selbst. Ein freiwilliger Rückzug aus Teilen des Westjordanlands, wie 1982 aus dem Sinai oder 2005 aus Gaza. Dies ist historisch zwar nicht beispiellos, aber unter den heutigen Mehrheitsverhältnissen und agierenden Personen kurzfristig unwahrscheinlich.
Das Arrangement. Geschlossen mit den Nachbarn, aber ohne Palästinenser. Dies setzt die Logik der Abraham-Abkommen fort. Israel normalisiert seine Beziehungen mit immer mehr arabischen Staaten, ohne dass die palästinensische Frage gelöst wird. Keine Lösung, sondern ihre Marginalisierung im regionalen Maßstab. Bereits im Gang. Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Marokko. Den entscheidenden, weitaus bedeutsameren Schritt blockiert Israel jedoch selbst. Saudi-Arabien verlangt dafür konkrete Zugeständnisse zur palästinensischen Eigenstaatlichkeit. Mit der eigenen Siedlungspolitik wäre dies jedoch unvereinbar.
Eine Fragmentierung. Trotz internationaler Verurteilung wird die Schaffung von Kantonen innenpolitisch in Israel aktiv verfolgt. Das würde für die Palästinenser Verwaltung ohne Souveränität bedeuten, das Westjordanland in zwei Teile zerschneiden und den heutigen Zustand noch verschärfen. Also auch keine tragbare Lösung.
Das Einfrieren. Keine Lösung, sondern die Konservierung des Status quo. Somit die Fortsetzung der Gegenwart auf unbestimmte Zeit. Besatzung, gelegentliche Eskalation, internationaler Druck ohne Konsequenzen. Entspricht dem Muster der letzten fünfzig Jahre. Erscheint als die wahrscheinlichste Option.
Eine formelle Annexion. Das würde Teile oder das gesamte Westjordanland zu israelischem Staatsgebiet erklären. Ohne jedoch den dort lebenden Palästinensern gleiche Rechte zu geben. Wird von einflussreichen Teilen der aktuellen israelischen Regierungskoalition aktiv verfolgt.
Eine stille Abwanderung. Aus Erschöpfung. Das wäre kein Plan und keine Erzwingung, sondern das Ergebnis einer wachsenden Zahl individueller Entscheidungen. Palästinenser beschließen, das Land zu verlassen, weil die Perspektivlosigkeit größer wird als die Bindung an die Heimat. Dies dürfte an fehlenden Aufnahmeländern scheitern. Nachbarstaaten und der Westen zeigen hier wenig Bereitschaft.
Eine langsame Eskalation. Eine Ausweitung zum Regionalkrieg. Das würde den israelisch-palästinensischen Konflikt in einen größeren Krieg mit dem Iran und seinen Verbündeten einbetten. Die Ausweitung auf den Libanon, den Iran und die Huthi-Milizen im Jemen ist durch wiederholte direkte Angriffe bereits seit 2024 eingetreten. Eine weitere Eskalation wäre keine Überraschung.
Die Ausreisemöglichkeit. Der amerikanische Präsident stilisierte die Vision eines Luxusressorts in Gaza zu einem großzügigen Angebot an alle Palästinenser, in ihre Wunschdestination auszureisen. Ethnische Vertreibung und somit ein weiteres Kriegsverbrechen. Diesmal getarnt als scheinbar großzügiges Geschenk.
Die beste Möglichkeit
Von all diesen Richtungen erscheint die Konföderation als jene, die beiden Völkern am ehesten gerecht würde. Sie verlangt von niemandem, sein Land zu verlassen. Sie verlangt von niemandem, die eigene nationale Identität aufzugeben. Sicherheit würde gemeinsam organisiert, nicht gegeneinander verteidigt.
Genau das macht sie politisch derzeit nicht tragfähig, und zur unwahrscheinlichsten aller hier genannten Möglichkeiten. Sie verlangt von beiden Führungen den größten Paradigmenwechsel. Uralte Feindschaft durch geteilte Verantwortung zu ersetzen. Und das in einem Moment, in dem das Vertrauen zwischen den betroffenen Gesellschaften auf einem historischen Tiefpunkt steht. Solche Ideen, die Vertrauen voraussetzen, gewinnen in Momenten des Misstrauens selten Mehrheiten.
Die wahrscheinlichste Möglichkeit
Das Einfrieren ohne Lösung ist nicht die Beste der hier genannten Richtungen. Aber es ist die wahrscheinlichste, weil sie von niemandem eine Entscheidung verlangt. Keine Regierung muss sich gegen ihre eigene Basis stellen. Kein Führungswechsel ist nötig. Der Status quo verwaltet sich selbst, solange beide Seiten ihn aushalten. Und der Leidensdruck hinter ideologischen Maximen zurückbleibt.
Genau darin liegt aber das Problem. Ein eingefrorener Zustand erzeugt keinen Druck zur Veränderung. Er erzeugt nur die Bedingungen, unter denen die nächste Eskalation entsteht. Was heute eingefroren scheint, ist kein Frieden. Es ist Gewalt, scheinbar sediert, aber jederzeit bereit zum Ausbruch.
Das bedeutet
Beide Wege sind denkbar. Der eine erfordert Mut, der politisch nicht vorhanden ist. Der andere erfordert nur, dass nichts geschieht, was eine Lösung fördert. Solange das so bleibt, bleibt auch die Frage offen, wer das Land tatsächlich besitzt. Wer darüber verfügt.
Dieser Essay wurde mit Blick auf den Stand bis zum Waffenstillstand vom Oktober 2025 verfasst. Was seither geschah, muss erwähnt werden. Der im Februar 2026 ausgebrochene Krieg zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und dem Iran, mit erneuter Eskalation im Libanon, liegt außerhalb des hier behandelten Zeitraums. Er wird bewusst nicht bewertet, da seine Folgen beim Verfassen dieses Essays noch nicht absehbar sind.
Bemerkenswert bleibt dennoch, dass genau das eintrat, was als Risiko des Einfrierens benannt wurde. Die wahrscheinlichste Variante. Weiter so wie bisher. Kein Frieden hatte sich eingestellt. Nur eine Pause, in der sich die nächste Eskalation vorbereitete. Und sich das Leid fortsetzte.
Epilog
Salah Abu Ali wird in diesem Jahr wieder ernten. Oder er wird es zumindest versuchen.
Der Baum steht noch. Womöglich seit 5.000 Jahren. Er hat so vieles kommen und gehen gesehen. Eroberungen, Vertreibungen, Kriege. Verträge, die gebrochen wurden. Und Versprechen, die niemand einhalten wollte.
Er trägt Oliven. Seit Jahrtausenden. Die Natur hat ihm seinen Platz gegeben. Er füllt ihn aus. Ist einfach da.
Vielleicht ist das die einzige Antwort, die dieser Konflikt erlaubt. Nicht Lösung. Sondern Ausdauer. Das Festhalten an einem Ort. Dem eigenen. Auch wenn andere denselben Anspruch erheben. Auch wenn kein Gericht der Welt entscheiden kann, wer recht hat.
Wessen Land?
Es bleibt offen. Wird offen bleiben.
Die eigentliche Frage ist, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor beide Seiten akzeptieren, dass sie es nur gemeinsam beantworten können.
Was wir nicht wissen, ist mehr geworden. Wir fragen weiter.