Ohne Opposition
Warum regt sich kaum Widerstand gegen eine der größten Machtverschiebungen der Geschichte?
Über die schleichende Konzentration von Macht, ihre stille Hinnahme und die Frage nach einer möglichen Alternative
Prolog
Das getarnte Geschenk
Am Morgen greift ein Mensch als Erstes zu seinem Handy. Noch bevor er ganz wach ist, weiß er, wie das Wetter wird. Welche Nachrichten über Nacht kamen. Wer ihm geschrieben hat. Er schreibt eine Frage in die Suchmaschine und bekommt in Sekunden eine Antwort. Dafür wäre er früher in eine Bibliothek gegangen. Er sucht und findet augenblicklich den Weg zu einem fremden Ort, ohne je eine physische Karte benutzt zu haben. Er spricht mit Menschen auf anderen Kontinenten, in einer Tonqualität, als säßen sie im Nebenzimmer.
Das alles empfindet er als ein Geschenk. Es wäre unredlich, das zu bestreiten. Was diese digitalen Dienste leisten, hätte noch vor wenigen Jahrzehnten wie Zauberei gewirkt. Sie sparen jede Menge Zeit. Sie verbinden mühelos über gewaltige Distanzen. Sie eröffnen Wissen, das früher nur wenigen, und das auch nur mit gewaltigem Aufwand, vorbehalten war. Milliarden Menschen nutzen diese Annehmlichkeiten jeden Tag. Freiwillig. Gern, und scheinbar meist ohne dafür unmittelbar einen Preis in Geld zu zahlen.
Und genau hier beginnt die Merkwürdigkeit. Denn kostenlos ist nichts davon. Der Preis wird nur nicht vorwiegend in Geld entrichtet. Die Währung dafür ist etwas, das sich nur schwer bemerken lässt. Es ist vor allem unsere Aufmerksamkeit, die verkauft wird. In Form von Daten. Die gesammelt, verknüpft und zu Vorhersagen über das eigene Verhalten verarbeitet werden. Unmerklich wuchs die Gewöhnung daran, dass ein paar wenige Unternehmen alles wissen, wonach wir suchen. Wohin wir gehen. Was wir fürchten und begehren. Und noch unvorstellbar vieles mehr.
Es ist der wohl größte Tausch der jüngeren Geschichte. Und er vollzieht sich meist unbemerkt. Lautlos, aber gezielt und hochprofessionell orchestriert. Keine Revolution, kein Aufschrei, kaum Widerstand. Wo frühere Versuche von Machtballungen Aufstände auslösten, wird das Meiste hingenommen wie das Wetter. Nicht weil es den Menschen an Urteilskraft fehlte. Sondern weil das, was sie bekommen, für sie angenehm und nützlich ist. Das, was sie geben, für sie jedoch unsichtbar und verborgen bleibt.
Ein empfundenes Geschenk, das man annimmt, führt nicht zum Misstrauen. Das ist die geniale Tarnung. Psychologisch perfide. Wirtschaftlich extrem erfolgreich.
Dieser Essay fragt, wie diese Situation entstehen konnte, ohne dass sich nennenswerter Widerstand regte. Warum er so schwach bleibt. Und ob eine andere Ordnung denkbar wäre. Eine, die den Nutzen bewahrt, aber den verborgenen Preis nicht länger verlangt.
Der Befund
Vier Arten von Macht
Um zu verstehen, wo das Problem liegt, muss man den Fokus darauf legen, was sich tatsächlich in wenigen Händen konzentriert. Bei schnellem Blick könnte sich die Macht dieser wenigen Konzerne und Protagonisten als eine einzige Sache präsentieren. In Wahrheit sind es aber zumindest vier verschiedene Arten. Und sie potenzieren und festigen sich gegenseitig.
Die erste Art ist die Macht über die Daten. Wenige Unternehmen wissen mehr über das Verhalten von Milliarden Menschen als je eine Institution zuvor. Nicht nur, was jemand kauft. Sondern was er sucht. Wann er schläft oder wach liegt. Wohin er sich bewegt. Womit und wie oft. Mit wem und worüber er kommuniziert. Wann und wobei er verweilt oder zögert. Kurzum der Mensch ist gläsern und annähernd vollständig digital erfasst. Aus diesen Spuren lassen sich Vorhersagen gewinnen und in einem bisher ungeahnten Ausmaß monetarisieren. Prognosen über menschliches Verhalten sind mittlerweile ein Rohstoff, den es in dieser Form und Masse in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie gab. Durch den Besitz dominanter Social-Media-Plattformen kontrollieren zudem einige wenige Unternehmen direkt den öffentlichen Meinungsbildungsprozess. So können sie im großen Stil politische Narrative zu ihren Gunsten formen.
Die zweite ist die Macht über die Rechenleistung. Die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu verarbeiten und Modelle künstlicher Intelligenz zu trainieren, bedarf gewaltiger Rechenzentren. Über diese, und das ist der kritische Punkt, verfügen aber nur wenige. Nur wer diese Kapazität besitzt, ist beim Rennen um die nächste Technikstufe ganz vorne mit dabei. Damit entscheidet ein sehr kleiner Kreis darüber, in welche Richtung sich eine Technik entwickelt, die bald jeden Bereich unseres Lebens berühren wird. Und das ohne je demokratisch dazu ermächtigt worden zu sein.
Die dritte ist die Macht des Kapitals. Einige wenige Unternehmen zählen zu den wertvollsten der Welt. Diese übertreffen mit ihrem Wert die Wirtschaftsleistung ganzer Staaten. Dieser finanzielle Reichtum erlaubt es ihnen, aufstrebende Konkurrenten aufzukaufen, bevor sie ihnen zu gefährlich werden. Talente an sich zu binden und Märkte zu besetzen, kaum dass sie entstehen, ist nur die wirtschaftlich logische Konsequenz daraus. Wer so viel Kapital hat, muss den Wettbewerb nicht fürchten, er kann ihn kaufen. Er besitzt das Monopol. Außerdem fließen Milliardenbeträge systematisch in Super PACs, Think-Tanks und direkte Lobbyarbeit, um politische Entscheidungsträger an sich zu binden.
Die vierte ist die Macht über die Infrastruktur.
Einige Konzerne stellen kritische Infrastrukturen für Kommunikation, Sicherheit und Wirtschaft zur Verfügung, was Staaten zunehmend erpressbar macht. Sie sind aber nicht mehr nur Anbieter von Diensten. Ein großer Teil des Internets läuft über ihre eigenen Server. Unternehmen, Behörden, Schulen, ganze Verwaltungen sind somit auf ihre Systeme angewiesen.
Wer die Infrastruktur kontrolliert, über die alle anderen ihre Geschäfte, ihre Kommunikation, ihr Leben abwickeln, hat eine Macht, die weit über die einzelnen Dienstleistungen hinausreicht. Gesellschaftspolitik als Folge von freiwilliger Abhängigkeit der Konsumenten.
Warum die vier zusammen mehr sind
Jede dieser vier Mächte für sich wäre schon beträchtlich. Ihre eigentliche Wucht entsteht jedoch aus ihrer Konzentration sowie ihrer gegenseitigen Ergänzung.
Die Daten verbessern die Modelle. Die Modelle verlangen Rechenleistung. Die Rechenleistung kostet Kapital. Das Kapital sichert den Zugang zu noch mehr Daten und noch mehr Infrastruktur. Es ist ein Kreis, der sich selbst verstärkt. Wer einmal vorn liegt, zieht davon, weil jeder Vorsprung den nächsten leichter macht. Das ist der Grund, warum in diesem Feld kaum mittelgroße Anbieter bestehen, sondern einige wenige Riesen alles dominieren. Das Prinzip heißt, der Gewinner nimmt alles. Und das scheinbar mühelos, uneinholbar und widerstandslos.
Diese Konzentration ist keine Behauptung. Sie ist an den Zahlen ablesbar. An Marktanteilen. An Unternehmenswerten. An der Abhängigkeit ganzer Branchen, Kommunen und Staaten von einer Handvoll großer Anbieter. Das ist der nüchterne Ausgangspunkt, über den es sich diskutieren ließe. Aber erstaunlich wenig wird.
Bevor wir fragen, warum die öffentliche Auseinandersetzung ausbleibt, lohnt ein Blick auf das, was diese Macht antreibt. Denn hinter ihr steht nicht nur der Wunsch nach maximalem Gewinn. Sondern vor allem auch eine Reihe von Ideen und Ideologien darüber, wohin die Reise gehen soll. Davon handelt das nächste Kapitel.

Die Ideen dahinter
Mehr als nur Gier
Es wäre zu einfach, hinter der beschriebenen Machtballung ausschließlich den Wunsch nach Geld zu vermuten. Gewinnstreben erklärt viel, aber nicht alles. Denn in den Kreisen, wo die CEOs dieser Konzerne geprägt wurden, haben sich über Jahrzehnte Denkweisen etabliert, die dem Ganzen eine bestimmte Richtung und auch Rechtfertigung geben. Es existiert zwar keine einheitliche Ideologie, doch findet sich eine Familie verwandter Überzeugungen. Wer die schwache Gegenwehr der Öffentlichkeit verstehen will, sollte diese jedoch genauer erkunden. Denn sie bilden die Basis und erklären, wie diese Macht sich selbst sieht und vor allem wie sie sich letztendlich rechtfertigt.
Im Folgenden werden die wichtigsten benannt, ohne sie jedoch zu einem einzigen Feindbild zu verschmelzen. Gerade ihre Unterschiede sind sehr aufschlussreich und zeigen die einzelnen Weltbilder in einer Deutlichkeit, die oft unbemerkt bleibt.
Der ungeliebte Staat
Am Anfang steht eine alte Idee des Silicon Valley. Der technische Libertarismus. Manche bezeichnen ihn als genuine kalifornische Ideologie. Sie verbindet den Glauben an die befreiende Kraft der Technik mit einer tiefen Aversion gegen den Staat. Der Grundgedanke, Fortschritt entstehe dort am besten, wo der Staat sich heraushält, wird zum Credo. Regeln, Aufsicht, demokratische Kompromissfindung, gelten nicht als Schutz. Im Gegenteil. Sie werden ausschließlich als kontraproduktiv und lästiges Hindernis erlebt. Als massives Handicap auf dem Weg zu einer besseren Zukunft. Und dies gilt es unbedingt und nachhaltig zu beseitigen.
Diese Haltung ist verführerisch, weil sie einen wahren Kern hat. Vieles, was heute selbstverständlich ist, entstand tatsächlich abseits staatlicher Planung. Aber die Überzeugung, dass gewählte Regierungen grundsätzlich der wirtschaftlichen Entwicklung im Weg stehen und dass jene, die die Technik beherrschen, es besser wüssten als die Institutionen einer Demokratie, ist längst nicht erwiesen. Sie gilt aber vor allem dann, wenn man soziale Verantwortung negiert. Wenn man glaubt die jetzige Gesellschaft als willfährige Ressource behandeln und ausbeuten zu können.
Der Glaube an die ferne Zukunft
Eine zweite Strömung richtet den Blick weit nach vorn. Sie fragt nicht, was den Menschen heute nützt. Von einzigem Interesse ist, was der Menschheit über Jahrtausende oder Jahrmillionen dienen könnte. In dieser Sicht zählt das Schicksal ungezählter künftiger Generationen mehr als die Nöte der Gegenwart. Dies, weil die Zukunft, rein zahlenmäßig, unendlich viel größer ist als das Jetzt.
Auch das klingt auf den ersten Blick bedenkenswert. Ist doch Langfristigkeit an sich ein Widerspruch einer, in Wahlperioden agierenden Politik. Doch die Denkweise des Longtermismus negiert die Tatsache, dass eine Zukunft immer auf einer Gegenwart aufbaut. Die gefährliche Kehrseite ist, das Wohl ferner, hypothetischer Milliarden über das nahe, wirkliche Leid heutiger Menschen zu stellen. Diese Ideologie versucht fast jede Härte der Gegenwart zu rechtfertigen, solange sie nur einem größeren künftigen Ziel dient. Das konkrete Leid von heute wird klein gegen die Vision von morgen. Menschenverachtung als Rechtfertigung einer angeblichen Rettung der Menschheit in einer fernen Zukunft.
Der Rausch der Beschleunigung
Eine dritte, jüngere Strömung treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Sie erklärt die ungebremste Beschleunigung des technischen Fortschritts zum obersten Wert. Teils sogar unter Berufung auf physikalische Prinzipien. Als sei es ein Naturgesetz, dass sich Technik und Kapital immer weiter steigern müssen. Wer bremsen will, gilt als Feind des Fortschritts. Regulierung erscheint nicht nur als lästig, sondern als Verrat an der Bestimmung der Menschheit.
Aus Sicht des effektiven Akzelerationismus ist die Beschleunigung kein Mittel mehr, sondern Selbstzweck. Die Frage, wohin die Reise geht und wem sie nützt, tritt zurück hinter die schiere Geschwindigkeit. Was möglich ist, soll geschehen, einfach weil es möglich ist.
Die Überwindung des Menschen
Eine vierte Strömung schließlich träumt davon, den Menschen selbst zu überwinden. Sie sieht die biologische Natur, Krankheit, Altern, den Tod, ausschließlich als Probleme. Nur die Technik ist im Stande, dies alles zu lösen. Am Ziel steht ein Wesen, das über den heutigen Menschen hinausgewachsen ist. Verschmolzen mit Maschinen, befreit von den Grenzen des Körpers. Die Überwindung des Todes als ideologische Koketterie. Ewig bestehende Festplatten statt vergängliche Biologie. Das menschliche Bewusstsein, digitalisiert und unsterblich in der Cloud geparkt.
Auch hier ist der Ausgangspunkt menschlich verständlich. Der uralte Wunsch, Leid und Sterblichkeit zu überwinden. Doch die Vision des Transhumanismus verschiebt den Maßstab. Der Mensch, wie er ist, gilt nicht mehr als Wert an sich, sondern als Vorstufe, als etwas, das es zu übertreffen gilt. Wer so denkt, für den ist der gegenwärtige Mensch mit seinen Bedürfnissen nicht das Ziel, sondern das Material. Eine Ressource, über die disponiert wird.
Was all das eint, und was es trennt
Diese vier zentralen Ideen sind innerhalb der Gruppe der Mächtigen nicht unumstritten. Das sollte man nicht übersehen. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen. Manche wollen den Staat ganz beseitigen. Andere rufen dezidiert nach ihm. Vor allem, wenn es um die Beherrschung der mächtigsten Techniken geht. Die einen fürchten die Risiken der künstlichen Intelligenz. Die anderen halten diese Furcht selbst für die eigentliche Gefahr.
Und doch teilen sie einen Kern. In allen vieren steht der technische Fortschritt über dem demokratischen Prinzip. In allen gilt das Urteil der wenigen, die die Technik angeblich verstehen und vermeintlich besitzen, mehr als das Urteil der vielen. Diese aber werden mit ihren Folgen leben müssen. In allen jedoch wird die Gegenwart, der real existierende Mensch, seine Bedürfnisse, das absehbare Leid, klein gegen eine große Verheißung. Die Vision feiert die Abschaffung des Staates, die glorreiche ferne Zukunft, die ungebremste Beschleunigung und den technisch optimierten Menschen.
Das ist der gemeinsame Nenner. Nicht eine einzelne Ideologie, sondern eine Grundhaltung, die den Menschen von heute und die Verfahren der Demokratie als das Zweitrangige behandelt. Und genau diese Haltung, mächtig geworden durch die vier Arten von Macht des vorigen Kapitels, wirft die Frage auf, die den Kern dieses Essays bildet. Warum regt sich dagegen so wenig Widerstand?
Warum der Widerstand ausbleibt
Die eigentliche Frage
Eine Machtballung wie die beschriebene, getragen von Ideen, die den Menschen von heute gering achten, müsste eigentlich massiven Widerspruch wecken. Frühere Machtkonzentrationen taten das. Bewegungen organisierten sich. Der Ruf nach Gesetzen wurde laut. Aufstände formierten sich. Ein Ringen um Eingrenzung. Diesmal aber, bleibt der große Widerstand aus. Nicht völlig. Es gibt vereinzelte Kritik. Zögerliche Regulierungsversuche. Halblaute, warnende Stimmen. Aber gemessen am Ausmaß der zu erwartenden Auswirkungen ist die Gegenwehr erstaunlich schwach.
Warum? Es gibt nicht einen Grund, sondern mehrere. Und sie greifen ineinander. Die nächsten Abschnitte gehen sie durch. Beginnend mit dem, was jeden Einzelnen betrifft, bis hin zu dem, was Institutionen lähmt.
Der echte Nutzen
Der erste Grund ist der wichtigste. Und er wurde schon im Prolog benannt. Die Möglichkeiten, welche die neuen Technologien und die damit verbundenen Angebote bieten, sind größtenteils wirklich nützlich. Oder werden zumindest als Benefit erlebt. Das ist keine Täuschung. Kein bloßer Schein. Wer sich gegen etwas wehren soll, das ihm täglich hilft, das ihm Zeit spart, ihn verbindet, ihn unterhält, gerät in einen inneren Widerspruch. Man sieht den Nutzen, weiß um die Problematik. Die Macht der Konzerne zu kritisieren und zugleich ihre Produkte zu benutzen, ist ein scheinbarer Widerspruch. Der klassische Kampf, Kopf gegen Herz.
Frühere Machtphänomene manifestierten sich meist spürbar als Last. Man litt unter ihnen. Wollte sie loswerden. Diese, für uns Menschen neue Macht dagegen wird nicht als Last erlebt, sondern als willkommene Bequemlichkeit. Oftmals sogar als unverhofftes Geschenk. Man müsste also auf etwas verzichten, das man schätzt, um einer Gefahr zu begegnen, die man kaum spürt. Das ist eine denkbar ungünstige Ausgangslage für Widerstand. Gegen ein Übel, das sich als Wohltat anfühlt, bildet sich schwer eine Opposition.
Die Unsichtbarkeit des Preises
Der zweite Grund liegt in der Natur dessen, was, wieviel und womit hier gezahlt wird. Der Preis ist schwer greifbar, versteckt und zeitlich verschoben. Man gibt Daten her, aber man spürt den Verlust nicht im Moment der Übergabe. Es tut nicht weh, beobachtet zu werden, solange man die Folgen nicht direkt spürt.
Widerstand aber braucht ein Motiv. Ein spürbares Unrecht. Ein sichtbares Opfer. Einen Schmerz, der zum Handeln drängt. Wo der Schaden diffus ist, über Jahre verteilt, statistisch statt persönlich, fehlt der Funke. Hier wirkt dieselbe Eigenheit des menschlichen Empfindens, die schon bei anderen langsam sich manifestierenden Gefahren beschrieben wurde. Was fern, allmählich und abstrakt ist, löst keinen unmittelbaren Alarm aus. Der Verlust an Privatheit und Selbstbestimmung ist jedoch real. Aber es fehlt eben ein konkretes Gesicht oder ein entscheidender Moment, an dem Gegenwehr wachsen könnte.
Die Abhängigkeit als Falle
Der dritte Grund ist die Tiefe der Verflechtung. Die Befürchtung vermeintlicher Nachteile. Man kann diese Dienste kaum noch verlassen, ohne sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Wer nicht erreichbar ist, wer die üblichen Plattformen meidet, wer die verbreiteten Systeme nicht nutzt, schließt sich selbst aus. Beruflich, sozial. Praktisch.
Damit ist der Ausstieg keine echte Option mehr. Es ist die Struktur einer Falle, die sich hinter dem Eingang schließt. Was einmal freiwillige Nutzung war, ist zur Voraussetzung der Teilhabe geworden. Der Einzelne kann sich kaum entziehen, weil alle anderen es auch nicht tun. Und weil sich die Welt offensichtlich um diese Systeme herum eingerichtet hat. Wo aber gefühlt kein Ausstieg möglich ist, verliert die Drohung, auszusteigen, ihre Kraft. Und mit ihr das wirksamste Druckmittel des Verbrauchers gegen die großen Konzerne.
Die Ohnmacht des Einzelnen
Der vierte Grund ist das Gefühl, ohnehin nichts ausrichten zu können. Der Gegner ist zu groß, zu reich, zu allgegenwärtig. Was soll ein Einzelner gegen Konzerne ausrichten, die mehr wert sind als ganze Volkswirtschaften?
Diese Ohnmacht ist nicht nur ein Gefühl, sie hat einen realen Kern. Individuelles Verhalten ändert wenig, solange die Struktur bleibt. Und die Struktur zu ändern, überfordert den Einzelnen. So entsteht eine erlernte Hilflosigkeit. Man arrangiert sich, weil Widerstand aussichtslos scheint, und gerade dadurch bleibt er aussichtslos. Die Resignation bestätigt sich selbst. Self fulfilling prophecy.
Die zersplitterte Gegenwehr
Der fünfte Grund liegt in der Zersplitterung derer, die widersprechen könnten. Es gibt Datenschützer, Wettbewerbsbehörden, kritische Journalisten. Einzelne Politiker, Bürgerinitiativen. Aber sie alle ziehen selten an einem Strang. Der eine kämpft um Privatsphäre. Der andere um fairen Wettbewerb. Dem dritten wiederum geht es um die Meinungsfreiheit. Jeder sieht seinen schmalen Ausschnitt. Keiner engagiert sich für das Ganze.
Die Konzentration auf der einen Seite trifft auf eine Zersplitterung auf der anderen. Einige wenige, hochorganisierte, kapitalstarke Akteure stehen einer Vielzahl kleiner, uneinheitlicher Kräfte gegenüber. Das ist ein ungleicher Kampf. Dies jedoch nicht, weil eine Seite recht hätte, sondern weil Konzentration gegen Zersplitterung fast immer gewinnt.
Die Schwäche der Regulierung
Der sechste Grund ist die strukturelle Unterlegenheit der Politik. Staaten sind an ihr Gebiet gebunden. Konzerne agieren international. Ein Unternehmen, das reguliert werden soll, verlagert bei Bedarf Gewinne, Standorte, Tätigkeiten über Grenzen. Und dies schneller als Regierungen entsprechende Gesetze erlassen können. Außerdem ist die Gesetzgebung immer relativ langsam. Sie muss verstehen, was sie regelt. Muss verhandeln. Kompromisse finden. Interessen bedienen. Währenddessen entwickelt sich die Technik schneller, als dieser Prozess reifen kann.
Hinzu kommt der Einfluss auf die Politik und somit auf die Gesetzgebung selbst. Wo enorme Mittel in Lobbyarbeit, Denkfabriken und die Finanzierung politischer Kampagnen fließen, verschiebt sich, was überhaupt als regelbar gilt. Der zu Regulierende sitzt meist am Tisch, an dem über die Regulierung entschieden wird. Das ist kein Vorwurf an einzelne Akteure. Es ist eine Beschreibung der herrschenden Verhältnisse der Kräfte, und Machtstrukturen. Und eines herrschenden Systems das einen Ausstieg erschwert, wenn nicht verunmöglicht.
Die Vereinnahmung der Sprache
Der siebte Grund ist der subtilste. Wer die Begriffe besetzt, in denen diskutiert wird, hat den Streit bereits halb gewonnen. Fortschritt. Innovation. Freiheit. Und natürlich Offenheit. Das sind positiv besetzte Termini. Und sie werden ausgerechnet von jenen beansprucht, deren Macht zur Debatte steht. Wer ihnen widerspricht, erscheint leicht als fortschrittsfeindlich. Als rückwärtsgewandt. Als Feind der Innovation. Ja, und das ist speziell perfide, als schädlich für das Wohl der menschlichen Gesellschaft.
So wird Kritik entwaffnet, bevor sie greift. Der Kritiker muss sich erst rechtfertigen, dass er nicht gegen den Fortschritt sei. Das Prinzip der Täter-Opfer-Umkehr. Und so ist die Sprache, in der über und mit diesen Konzernen verhandelt wird, zu einem guten Teil ihre eigene.
Das Bild der Lage
Fügt man diese Gründe zusammen, entsteht ein Bild, das die schwache Gegenwehr erklärt, ohne die betroffenen Menschen für ungebildet oder gleichgültig erklären zu müssen.
Der Nutzen ist echt. Der Preis unsichtbar. Der Ausstieg versperrt. Und der Einzelne ohnmächtig. Die Gegenwehr ist zersplittert. Die Politik unterlegen. Die Sprache besetzt. Jeder Grund für sich allein wäre zu überwinden. Zusammen bilden sie eine Situation, in der Widerstand zwar nicht unmöglich, aber außerordentlich schwer ist.
Das erklärt, warum so wenig geschieht. Es sagt noch nichts darüber, ob es so bleiben muss. Ob eine andere Ordnung denkbar wäre. Eine, die den Nutzen bewahrt und den Preis nicht länger verlangt. Davon handelt das nächste Kapitel.
Die Bedingungen einer Alternative
Was eine Alternative leisten müsste
Damit zur Alternative. Wer die bestehende Ordnung ablehnt, schuldet eine Vorstellung davon, was an ihre Stelle treten könnte. Dieser Essay liefert keine fertige Antwort. Das wäre unseriös. Er fragt bescheidener, aber genauer.
Eine ernstzunehmende Alternative muss den Nutzen bewahren. Das ist die erste und härteste Bedingung. Ein Entwurf, der die Menschen auffordert, auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die sie schätzen, wird scheitern. Und er verdient es. Das Angebot der Dienste ist per se nicht schlecht. Die Frage ist daher nicht, wie man sie abschafft. Sondern wie man sie von dem trennt, was an ihnen schädlich ist. Die Vermarktung des Menschen. Die Konzentration der Macht. Die Missachtung demokratischer Verfahren.
Damit sind die Kriterien definiert. Eine Alternative müsste denselben oder ähnlichen Nutzen bieten, aber ohne denselben Preis zu verlangen. Sie müsste die Werkzeuge erhalten, aber das Monopol über sie ändern. Das ist schwer. Aber es ist nicht widersprüchlich. Und es wäre möglich. Denn der Nutzen für die Menschen und ihre Ausbeutung sind nicht dasselbe. Sie sind bisher nur miteinander verknüpft.
Die Trennung von Werkzeug und Herrschaft
Hier liegt der entscheidende Gedanke. Eine Suchmaschine. Eine Landkarte. Ein Netz zur Kommunikation. Sie sind Werkzeuge. Diese sind an sich weder gut noch böse. Was sie zu einem Instrument der Macht macht, ist nicht ihre Funktion. Es ist die Art, wie sie betrieben werden. Wer sie besitzt und somit steuert.
Ein digitales Netz, das niemandem allein gehört. Das keine Daten zu Geld macht. Das seine Regeln offenlegt. Dieses würde denselben Dienst leisten aber eine andere Ordnung tragen. Die Technik bliebe. Die Herrschaft über sie wäre jedoch eine andere. Das ist keine Träumerei, es gibt es bereits. Wenn auch am Rand. Es gibt freie Software, die niemandem gehört und von vielen genutzt wird. Es gibt Verständigungsnetze ohne zentrale Eigentümer. Es gibt Nachschlagewerke, die von Freiwilligen erstellt werden und der Allgemeinheit gehören. Diese Beispiele beweisen, dass es geht. Sie beweisen nicht, dass es im großen Maßstab geht. Das ist der Unterschied, den man benennen muss.
Die Ansätze, die es gibt
Drei Richtungen werden nun ernsthaft diskutiert, und jede hat ihre Stärke und ihre Grenze.
Die erste ist der Gedanke des Gemeinguts. Daten, Infrastruktur und Wissen werden nicht als privates Eigentum behandelt, sondern als gemeinsame Ressource. Verwaltet von der Gemeinschaft, die sie nutzt. Das Vorbild sind alte Formen gemeinschaftlich bewirtschafteter Güter, Weiden, Wälder, Wasser. Dies hat über Jahrhunderte funktioniert, weil klare Regeln galten und Verstöße sichtbar wurden. Übertragen auf die digitale Welt hieße das, die Daten gehören denen, die sie erzeugen. Die Infrastruktur hingegen wird gemeinsam kontrolliert. Die Stärke des Gedankens ist seine Gerechtigkeit. Seine Grenze ist die Schwierigkeit, ihn im globalen Maßstab und gegen die Interessen mächtiger Konzerne durchzusetzen.
Die zweite Richtung ist die genossenschaftliche. Nutzer und Beschäftigte besitzen die Plattform gemeinsam, statt sie einem fernen Eigentümer zu überlassen. Was den Bauern die Genossenschaft war und den Sparern die gemeinsame Bank, könnte den Nutzern die gemeinsam besessene Plattform sein. Die Gewinne fließen nicht ab, sondern zurück. Ihre Stärke ist die bewährte Form. Genossenschaften gibt es seit langem und in vielen Bereichen. Das größte Manko ist der Startnachteil. Wer heute eine solche Plattform gründet, tritt gegen Konzerne an, die alle Vorteile der Größe bereits besitzen.
Die dritte Richtung ist die öffentliche Infrastruktur. So wie Straßen, Wasserleitungen und Stromnetze nicht generell Privaten gehören müssen, sondern als öffentliche Aufgabe gelten, könnten auch bestimmte digitale Grundlagen öffentlich betrieben werden. Nicht vom Staat als Überwacher. Sondern als bereitgestellte Grundversorgung. An Regeln gebunden und demokratisch kontrolliert. Die Stärke ist die Unabhängigkeit vom Profit. Das ernsthafte Argument dagegen ist das berechtigte Misstrauen, dass öffentliche Stellen ebenfalls diese Daten missbrauchen könnten. Nur mit anderer Begründung.
Warum die Ansätze bisher scheitern
Es wäre unredlich, diese Ansätze zu preisen, ohne zu sagen, warum sie bisher Randerscheinungen geblieben sind. Der Grund ist derselbe, der schon den Widerstand schwächt. Die Macht des Bestehenden.
Wer schon groß ist, hat es leicht, groß zu bleiben. Die Vorteile der Größe. Der Menge. Der Daten. Das scheinbar unbegrenzte Kapital. Die Gewohnheit der Nutzer. Alle wirken gegen einen Neuanfang. Eine bessere Idee allein genügt nicht, wenn alle bereits bei den etablierten Anbietern sind und jeder Wechsel Mühe kostet. Hinzu kommt, dass Alternativen oft aus Idealismus entstehen. Schlecht finanziert sind. Während ihnen andererseits Konzerne mit unbegrenzten Mitteln gegenüberstehen. Der Wettbewerb ist von Anfang an ungleich.
Das ist der nüchterne Befund. Die Alternativen existieren. Sie funktionieren im Kleinen, und sie scheitern bisher an der Übermacht des Bestehenden. Nicht an ihrer eigenen Untauglichkeit.
Was den Unterschied machen könnte
Bleibt die Frage, unter welchen Bedingungen sich das ändern könnte. Hier verlässt der Essay den Boden des Belegbaren und benennt hypothetische Möglichkeiten, ausdrücklich als solche.
Eine Bedingung wäre die Sichtbarmachung des Preises. Solange der wahre Preis verborgen bleibt, fehlt der Antrieb zum Wechsel. Würde sichtbar, was die Bequemlichkeit wirklich kostet, an Selbstbestimmung, an gesellschaftlichem Zusammenhalt, an demokratischer Kontrolle, könnte sich die Gleichung ändern. Aufklärung allein bewegt wenig. Das ist ein Faktum. Aber ohne Darlegung der Mechanismen bewegt sich auch nichts.
Eine zweite Bedingung wäre die prinzipielle politische Ermöglichung. Alternativen entstehen nicht von allein gegen die Übermacht des Bestehenden. Sie brauchen einen Rahmen, der ihnen eine Chance gibt. Regeln, die Marktmacht begrenzen. Die Pflicht, dass Systeme miteinander verbunden werden können, sodass der Wechsel leichter wird. Öffentliche Förderung gemeinwohlorientierter Modelle. Nichts davon ist utopisch. Es sind bekannte Instrumente. Es fehlt bisher lediglich der Wille, sie einzusetzen.
Eine dritte Bedingung wäre die kulturelle Verschiebung. Solange Größe als Erfolg gilt und die Beherrschung des Marktes als Leistung, bleibt die Konzentration das einzige Ziel. Erst wenn sich eine andere Vorstellung von einem gelungenen System etabliert, die nicht die Anhäufung von Macht feiert, sondern ihre Verteilung, könnte sich der Maßstab ändern. Das ist die tiefste und langsamste Bedingung. Sie berührt die Frage, was eine Gesellschaft überhaupt für erstrebenswert hält.
Die Umkehrung der Verheißung
Am Ende steht ein Gedanke, der die beschriebenen Ideologien der Mächtigen aus dem zweiten Kapitel umkehrt. Jene Strömungen setzen auf eine große Zukunft. Eine unbegrenzte Beschleunigung. Einen überwundenen Menschen. Der Mensch von heute gilt ihnen wenig.
Eine Alternative müsste die umgekehrte Verheißung vertreten. Nicht das ungewisse ferne Wohl künftiger Milliarden, sondern das nahe Wohl jener Menschen, die jetzt leben. Nicht die Beschleunigung um ihrer selbst willen. Sondern die ernsthafte Frage, wozu. Nicht die Überwindung des Menschen, sondern seine Wahrung.
Das klingt bescheidener als die großen Visionen der Gegenseite. Vielleicht ist gerade das die entscheidende Stärke. Eine Vision, die den wirklichen Menschen in den Mittelpunkt stellt, statt ihn einem größeren Ziel zu opfern, ist keine Utopie. Sie ist lediglich eine andere Antwort auf die Frage, wozu Technik da sein soll. Nicht, um die Macht der Mächtigen zu konzentrieren. Sondern um das Leben derer zu verbessern, die diese angebotenen technischen Möglichkeiten nutzen.
Ob diese Antwort sich durchsetzt, ist offen. Dass sie denkbar ist, steht fest.
Epilog
Der Mensch vom Anfang des Essays greift auch morgen früh zu seinem Handy. Daran wird sich nichts ändern. Und es muss sich auch nichts ändern. Das Geschenk bleibt ein Geschenk. Die Dienste bleiben nützlich. Die Verbindung bleibt wertvoll. Das Wissen bleibt greifbar. Wer geglaubt hat, dieser Essay wolle ihm das nehmen, hat ihn missverstanden.
Was sich ändern könnte, ist etwas anderes. Der Blick auf das, was mit dem scheinbaren Geschenk verbunden ist. Am Anfang stand die Merkwürdigkeit, dass eine der größten Machtverschiebungen der Geschichte fast lautlos geschieht. Nun ist sie weniger merkwürdig. Der Nutzen ist echt, deshalb wehrt sich niemand. Der Preis bleibt verborgen, deshalb bemerkt ihn kaum jemand. Der Ausstieg ist versperrt, deshalb versucht ihn auch kaum jemand. Und die Sprache, in der man widersprechen müsste, gehört schon längst denen, gegen die man spräche.
Das ist keine Hypothese. Auch keine Verschwörung. Es ist ein Zusammenspiel von Kräften, in dem jeder Einzelne vernünftig handelt und am Ende doch eine Ordnung entsteht, die niemand so gewählt hat. Genau das macht sie so schwer änderbar. Man kann keinen Schuldigen benennen, den man stürzen müsste. Man kann nur die Struktur verstehen, die diesen Status hervorbringt.
Und man kann fragen, ob es anders ginge. Der Essay hat gezeigt, dass die Werkzeuge nicht dasselbe sind wie die Herrschaft über sie. Dass es Ansätze gibt, die den Nutzen bewahren und den Preis nicht verlangen. Und dass sie bisher scheitern. Nicht weil sie untauglich wären, sondern weil das Bestehende übermächtig ist. Auch dass eine andere Ordnung denkbar ist. Eine, die den Menschen von heute nicht einer großen Verheißung opfert, sondern ihn in den Mittelpunkt stellt.
Ob diese neue Ordnung kommt, ist offen. Sie kommt jedenfalls nicht von allein. Machtkonzentrationen haben sich in der Geschichte nie von selbst aufgelöst. Sie wurden aufgelöst. Durch Einsicht. Durch Druck. Durch neue Regeln. Durch das Ende der Bequemlichkeit, mit der man sie hinnahm.
Die Wenigen, die die Macht haben, werden sie nicht selbst beschränken. Im Gegenteil. Die Macht potenziert sich selbst permanent, und stellt das lukrativeste Geschäftsmodell dar, das Menschen je ersonnen und verwirklicht haben. Der Wandel, wenn er jemals erfolgt, kommt von den Vielen. Von jenen, wie du und ich, die das getarnte Geschenk jeden Morgen annehmen.
Vielleicht ist der erste Schritt kein großer. Vielleicht ist es nur der Moment, in dem einer das liebgewordene Geschenk in seiner Hand hält und zum ersten Mal fragt, was es wirklich kostet.
Was wir nicht wissen, ist mehr geworden. Wir fragen weiter.