Die leere Seite
Was tut ein Mensch mit einer Freiheit, um die er nie gebeten hat?
Prolog
Es ist kurz nach zehn am Abend. Auf dem Bildschirm seines Laptops liegt eine Vorlage. Ein digitales Bewerbungsformular. Modern, zweispaltig. Links ein Rahmen für das Foto. Rechts Rubriken für persönliche Daten. Berufserfahrung. Ausbildung. Kenntnisse. Ganz oben, über allem, Sein Name. Über mich.
Der Mann vor dem Bildschirm ist achtunddreißig. Die Spalten füllen sich schnell. Jahreszahlen, Firmennamen, Abschlüsse. Was gewesen ist, lässt sich akkurat aufzählen. Es steht ja alles fest. Es kann nicht mehr anders werden.
Dann das Feld ganz oben. Drei bis vier Sätze, empfiehlt die Vorlage. Kurz und prägnant. Darunter ein Beispiel in grauer Schrift. Teamfähig, lösungsorientiert, belastbar. Mit Leidenschaft für Neues.
Er löscht den grauen Beispieltext. Die Fläche ist plötzlich weiß. Leer. Nur der Cursor blinkt. Fordernd, unbeeindruckt.
Er weiß, was er dort schreiben soll. Was erwartet wird. Aber er weiß nicht, ob es auch für ihn stimmt. Die Vorlage verlangt ein konkretes Wesen. Eine Beschreibung dessen, was Er ist, was ihn ausmacht. Die Offenlegung seines Egos. Genauso konkret wie die Jahreszahlen und Stationen seiner bisherigen Karriere in den Zeilen darunter. Doch dieses Feld fragt nicht nach dem bereits Gewesenen. Es fragt nach dem, was Er sein wird, wenn er den Job bekommt. Es fragt nach seinem künftigen Wesen. Nur das gibt es noch nicht.
Er könnte schreiben, was die Personalabteilung hören will. Dann wäre er der Klon eines fremden Ideals. Er könnte schreiben, was er sich wünscht. Dann wäre es eine Behauptung, für die er geradestehen muss. Er könnte die Bewerbung schlicht lassen. Auch das wäre eine Entscheidung. Niemand nimmt sie ihm ab.
Seltsam ist, dass gerade das ihn lähmt. Es gibt keinen Zwang. Niemand diktiert. Die Seite ist frei. Und diese Freiheit wiegt schwerer als jede Vorgabe. Eine Vorgabe ließe sich erfüllen. Eine leere Seite verlangt einen Entwurf.
Irgendwann klappt er den Rechner zu. Nicht aus Bequemlichkeit. Eher aus der Ahnung, dass die Frage größer ist als das Feld.
Eine ganze Denkrichtung hat diesen Moment in ihr Zentrum gestellt. Sie heißt Existenzialismus. Ihr Ausgangspunkt ist einfach und zugleich unbequem. Der Mensch hat kein vorgegebenes Wesen. Er kommt ohne Bauplan in die Welt und muss sich selbst entwerfen. Das klingt nach Befreiung. Es ist aber auch eine Last. Wer kein Wesen hat, kann sich auf keines berufen.
Das ist keine empirische Aussage. Es ist eine philosophische Setzung. Sie hat Anhänger gefunden und entschiedene Kritiker. Beide kommen in diesem Essay zu Wort.
Die Frage, die der Existenzialismus verfolgt, keimte schon um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Was tut ein Mensch mit einer Freiheit, um die er nie gebeten hat? Er kann vor ihr fliehen. Er kann an ihr verzweifeln. Er kann sie benutzen. Vielleicht ist sie sogar die Bedingung dafür, dass sein Leben einen Sinn bekommt. Nicht einen Sinn, der irgendwo bereitliegt und gefunden werden will. Sondern einen, den er selbst gebären muss.
Heute stellt sich diese Frage anders als zu jener Zeit, in der sie erstmals formuliert wurde. Inzwischen gibt es Blaupausen für fast alles. Vorschläge, was man lesen, kaufen, hören soll. Was man werden könnte. Wer man sein könnte. Die leere Seite wird seltener. Ob das eine Entlastung ist oder ein Verlust, ist offen.
Der Cursor blinkt noch immer.

Ohne Bauplan
Das Papiermesser
Paris, am Abend des 29. Oktober 1945. Der Zweite Weltkrieg ist erst wenige Monate vorbei. In einem Saal des Club Maintenant hält ein vierzigjähriger Philosoph einen Vortrag. Jean-Paul Sartre. Der Titel lautet Der Existentialismus ist ein Humanismus. Ein Buch war nicht geplant. Gedruckt wurde der Text dennoch im Jahr darauf.
Sartre beginnt bei einem unscheinbaren Gegenstand. Einem Papiermesser. Damals schnitt man damit die Seiten neuer Bücher auf. Heute kennt man es eher als Brieföffner. Bevor ein Handwerker es herstellt, hat er bereits eine Vorstellung davon im Kopf. Er weiß, wozu es dient und wie es aussehen soll. Die Idee ist zuerst da. Der Gegenstand folgt ihr. Beim Papiermesser geht das Wesen der Existenz voraus.
Beim Menschen, so Sartre, verhält es sich umgekehrt. Es gibt keinen Handwerker, der ihn vorher entworfen hätte. Kein Begriff von ihm liegt bereit, bevor er da ist. Der Mensch existiert zuerst. Er taucht in der Welt auf, ohne gefragt worden zu sein. Erst danach bestimmt er, was er ist. Und zwar durch das, was er tut.
Sartre verdichtet das zu einer Formel, die den Existenzialismus berühmt machte. Die Existenz geht der Essenz voraus.
Dieses Diktum klingt abstrakt. Seine Folge ist es nicht. Wer kein vorgegebenes Wesen hat, kann sich nicht darauf berufen. Er kann nicht sagen, so sei er eben. Er kann nicht auf eine Natur verweisen, die ihm die Wahl abnimmt. Das Feld ganz oben auf dem Bewerbungsformular aus dem Prolog verlangt genau das. Eine Beschreibung des Wesens, seines Egos, so fest wie eine Jahreszahl. Nach Sartre gibt es dieses Wesen nicht im Voraus. Es entsteht erst im Handeln.
Eine alte Ordnung kippt
Neu war der Gedanke nur in seiner Zuspitzung. Über zwei Jahrtausende hatte die abendländische Philosophie meist das Gegenteil gelehrt. Bei Aristoteles und später bei Thomas von Aquin geht das Wesen der einzelnen Existenz voraus. Jedes Ding hat eine Natur, die bestimmt, was es sein soll. Auch der Mensch. In der christlichen Fassung ist Gott der Handwerker. Er hat den Menschen nach seiner Idee geschaffen. Das Wesen steht fest, bevor der Einzelne geboren wird.
Sartre zieht aus dem Wegfall dieses Handwerkers die radikalste Konsequenz. Gibt es keinen Gott, der den Menschen entworfen hat, gibt es auch keine menschliche Natur, die vorher feststeht. Das ist die atheistische Spielart des Existenzialismus. Sie ist jedoch nicht die einzige.
Die Wurzeln der Umkehrung reichen weiter zurück. Als erster Vorläufer gilt gemeinhin der dänische Philosoph Søren Aabye Kierkegaard. In wenigen Jahren um die Mitte der 1840er Jahre schrieb er einen Großteil seiner Werke. Er war tief religiös. Sein Gegner war nicht Gott, sondern die Philosophie Hegels. Ein System, in dem alles Einzelne im großen Ganzen aufgeht. Kierkegaard hielt dagegen, dass der einzelne Mensch mehr ist als nur eine Fußnote in einer Theorie, die alles erklären will. Am deutlichsten zeigt sich das im Glauben. Er war für ihn keine logische Folgerung, sondern eine bewusste Entscheidung. Eine, die jeder selbst treffen muss. Die Menge war für ihn kein Schutz, sondern eine Flucht. Wer in ihr verschwindet, verweigert die eigene Entscheidung. Der Einzelne steht bei ihm allein vor Gott. Bei Sartre, ein Jahrhundert später, bleibt der Einzelne. Gott fehlt.
Fast vierzig Jahre nach Kierkegaards Hauptschriften schreibt Friedrich Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft von 1882 den Satz, der zum Schlagwort wurde. Gott ist tot. Er legt ihn einem Mann in den Mund, den er den tollen Menschen nennt. Einen, den alle für verrückt halten. Am hellen Vormittag zündet er eine Laterne an, läuft auf den Markt und sucht nach Gott. Ausgelacht wird er ausgerechnet von denen, die nicht an Gott glauben. In Nietzsches Augen haben sie Gott abgeschafft, ohne die Folgen zu begreifen. Ein schlichtes Bekenntnis zum Atheismus ist das also nicht. Nietzsche dürfte vor allem meinen, dass der Glaube seine Kraft als Fundament der Werte verloren hat.
Nietzsche setzte auf einen Menschen, der neue Werte schafft. Kierkegaard suchte den Halt im Glauben. So verschieden ihre Antworten sind, sie teilen einen Ausgangspunkt. Der Einzelne steht vor einer Wahl, die ihm niemand mehr abnimmt. Neben den beiden wird oft auch der russische Romancier Fjodor Dostojewski genannt. Seine Figuren ringen mit derselben Frage. Nur dass sie die Frage nicht erörtern, sondern als fiktives Schicksal durchleben.
Bleibt die Frage, die alle drei umtreibt. Wenn keine Instanz mehr von oben vorgibt, was gut und richtig ist, wer entscheidet es dann? Die Wissenschaft? Nietzsche verneint das später. Auch sie ruhe noch auf einem Glauben. Auf dem alten Glauben, dass die Wahrheit göttlich sei. Man muss ihm darin nicht folgen, um den Kern zu sehen. Die Wissenschaft kann erklären, wie die Welt ist. Wie wir in ihr leben sollen, sagt sie nicht. In dieser Lücke setzt der Existenzialismus an. Seine Antwort ist unbequem. Niemand füllt diese Lücke für uns. Jeder muss es selbst tun, durch das, was er wählt und wofür er einsteht.
Keiner der drei nannte sich Existenzialist. Der Begriff ist jünger. Sartre war der erste bekannte Philosoph, der ihn für sich selbst übernahm. Die Zuordnung der Vorläufer ist also eine nachträgliche. Sie sagt mehr über jene, die sich später auf sie beriefen, als über die Vordenker selbst.
Warum gerade damals
Sartre hatte die Grundlagen seiner Philosophie schon in den ersten Monaten des Zweiten Weltkriegs ausgearbeitet. Sein philosophisches Hauptwerk Das Sein und das Nichts erschien 1943. Mitten im Krieg blieb es zunächst weitgehend unbeachtet. Breitere Wirkung entfaltete diese Philosophie erst nach Beendigung des Krieges. Sartre und Simone de Beauvoir wurden so zu Leitfiguren einer ganzen Generation.
Warum gerade in diesem Moment, lässt sich nur vermuten. Eine naheliegende Erklärung ist der Zusammenbruch der Ordnungen. Frankreich hatte Besatzung, Kollaboration und Widerstand hinter sich. Viele dürften erfahren haben, dass Institutionen, Kirchen und Traditionen keine Orientierung boten, als es darauf ankam. Am Ende stand jeder vor seiner eigenen Entscheidung. Mitmachen, wegsehen, widerstehen. Eine Philosophie, die genau diese Situation zum Normalfall des Menschseins erklärte, traf auf eine Erfahrung, die viele teilten. Das ist eine plausible Deutung. Ein Beleg ist es nicht.
Belegt ist, dass Sartres Vortrag vom Oktober 1945 im Pariser Club Maintenant eine Verteidigung war. Sartre antwortete auf Angriffe von zwei Seiten. Marxisten warfen dem Existenzialismus bürgerlichen Individualismus vor. Christen sahen in ihm einen Weg in den Nihilismus. Sartre wollte zeigen, dass das Gegenteil zutrifft. Eine Philosophie ohne vorgegebenes Wesen sei keine Philosophie der Beliebigkeit. Sie mache den Menschen verantwortlich für alles, was er aus sich macht. Ein Geschenk, das zugleich eine Bürde ist.
Stoff, nicht Bauplan
Auch das Diktum hatte ein Vorbild. Sartre selbst führte den Gedanken auf Martin Heidegger zurück. In dessen Hauptwerk Sein und Zeit von 1927 heißt es, das Wesen des Daseins liege in seiner Existenz. Sartre spitzte diesen Satz zu. Daraus wurde die Formel einer ganzen Denkrichtung.
Was behauptet das Diktum nun eigentlich? Es räumt ein, dass jeder Mensch mit Voraussetzungen zur Welt kommt. Er hat einen Körper, ein Temperament, eine Herkunft. Doch keine dieser Gegebenheiten legt fest, was ein Mensch aus ihnen macht. Sie sind der Stoff, nicht der Bauplan. Ob diese Unterscheidung trägt, ist eine der großen Streitfragen. Der Essay wird auf sie zurückkommen.
Für den Mann vor dem Formular folgt daraus zunächst etwas Unangenehmes. Das Feld ganz oben bleibt nicht leer, weil ihm die Worte fehlen. Es ist leer, weil dort noch nichts stehen kann. Was Er ist, steht noch nicht fest. Das Formular aber rechnet mit einem fertigen Wesen. Es behandelt ihn wie Sartres Papiermesser. Beim Papiermesser geht das Wesen der Existenz voraus. Beim Menschen ist es umgekehrt. Ausfüllen ließe sich das Feld daher nur auf eine Weise. Nicht als Beschreibung, sondern als Entwurf. Nicht mit dem, was Er ist, sondern mit dem, wofür Er einstehen will. Das Feld wartet auf ihn. Es füllt sich erst durch das, was Er als Nächstes tut. Auch das Zuklappen des Rechners gehört dazu.
Hier kippt die Freiheit. Sie ist kein Gedanke mehr, sondern ein Gefühl. Kierkegaard verglich es mit dem Schwindel beim Blick in einen Abgrund.
Der Schwindel
Der Blick in die Tiefe
Wer an einem Abgrund steht, kennt zwei Arten von Angst. Die erste ist einfach. Man fürchtet zu fallen. Der Boden könnte nachgeben, ein Stein könnte wegrutschen. Diese Angst hat einen Gegenstand. Sie schützt.
Die zweite ist seltsamer. Man fürchtet nicht den Sturz, sondern sich selbst. Nichts hindert einen daran, einen Schritt nach vorn zu tun. Genau dieser Gedanke lässt einen schwindeln.
Kierkegaard hat diesen Unterschied 1844 in seiner Schrift Der Begriff Angst zum Thema gemacht. Er trennt Furcht und Angst. Furcht richtet sich auf etwas Bestimmtes. Eine Gefahr, ein Tier, einen Menschen. Angst dagegen hat keinen Gegenstand. Sie gilt dem Nichts. Genauer den Möglichkeiten, die noch offen sind. Und damit der eigenen Freiheit. Kierkegaard nennt die Angst deshalb den Schwindel der Freiheit. Man blickt in die eigenen Möglichkeiten wie in eine Tiefe und wird benommen. Bei ihm steht dahinter die christliche Lehre vom Sündenfall. Das Bild trägt aber auch ohne sie.
Hundert Jahre später greift Sartre dasselbe Bild auf. In Das Sein und das Nichts beschreibt er einen schmalen Pfad ohne Geländer entlang eines Abgrunds. Er fürchtet zu fallen und achtet auf die Steine. Das ist Furcht. Doch wenn er in die Tiefe blickt, sucht sein Blick dort sich selbst. Er stellt sich vor zu springen. Das ist Angst. Sie verrät ihm, dass nichts ihn zwingt, am Rand zu bleiben. Keine Furcht, kein Vorsatz, keine Gewohnheit. Er muss es in jedem Augenblick neu wählen.
Zur Freiheit verurteilt
Sartre hat für diese Lage eine Formel gefunden. Der Mensch sei zur Freiheit verurteilt. Das klingt paradox. Freiheit gilt als Geschenk, nicht als Urteil. Gemeint ist etwas Einfaches. Der Mensch kann vieles wählen. Nur eines nicht. Nicht zu wählen. Auch wer nicht entscheidet, hat entschieden.
In seinem Pariser Vortrag erzählt Sartre von einem ehemaligen Schüler. Dessen Bruder war 1940 von den Deutschen getötet worden. Der Vater hatte die Familie verlassen und kollaborierte mit den Besatzern. Der junge Mann stand vor einer Wahl. Er konnte bei seiner Mutter bleiben, deren einziger Trost er war. Oder er konnte sich den Freien Französischen Streitkräften anschließen und gegen die Besatzung kämpfen. Er kam zu Sartre und bat um Rat. Sartre sagte ihm, es gebe keine richtige oder falsche Entscheidung. Weder eine Moral noch die Stärke seiner Gefühle könne ihm sagen, was zu tun sei. Er müsse seine Lösung selbst erfinden.
Das ist die Zumutung in ihrer reinsten Form. Der junge Mann dürfte gehofft haben, dass ihm jemand die Wahl abnimmt. Er traf auf einen, der sie ihm zurückgab.
Der Kellner
Wer diese Last nicht tragen will, hat einen Ausweg. Er tut so, als sei er nicht frei. Sartre nennt das mauvaise foi. Im Deutschen heißt es meist Unaufrichtigkeit. Gemeint ist eine Lüge, die man sich selbst erzählt. Wer unaufrichtig ist, verbirgt die eigene Freiheit vor sich selbst.
Sartres bekanntestes Beispiel ist ein Kellner in einem Pariser Café. Er bewegt sich, als folge er einer Choreografie. Jeder Handgriff sitzt, jede Verbeugung kommt auf den Punkt. Sartre sieht ihm eine Weile zu und erkennt, was er tut. Er spielt, Kellner zu sein. Er macht sich zu einer Funktion. Zu einem Ding, das nur das ist, was seine Rolle verlangt. Das Bequeme daran ist, dass ein Ding nicht wählen muss.
Die Unaufrichtigkeit hat viele Gesichter. Er sagt sich, ich habe keine Wahl. So bin ich eben. Ich bin nur ein Angestellter. Jede dieser Wendungen verwandelt seine Entscheidungen in ein Schicksal.
Unumstritten ist das Bild nicht. Der Soziologe Pierre Bourdieu hielt Sartres Kellner für eine Erfindung am Schreibtisch. Für eine Philosophie, die übersieht, unter welchen sozialen Zwängen Menschen tatsächlich handeln. Auf diesen Einwand kommt der Essay in Kapitel IV zurück.
Zurück zum Formular
Der Mann vor dem Formular hatte drei Möglichkeiten. Jede lässt sich nun genauer lesen. Schreibt er, was die Personalabteilung hören will, wird er zum Kellner. Er spielt eine Rolle, die andere für ihn entworfen haben. Schreibt er, was er sich wünscht, setzt er sich der Angst aus. Er legt sich fest, ohne zu wissen, ob er halten kann, was er schreibt. Klappt er den Rechner zu, hat er ebenfalls gewählt. Nur ohne es sich einzugestehen.
Bleibt die Frage, ob die Angst ein Fehler ist, den man beheben sollte. Für Kierkegaard wie für Sartre ist sie das nicht. Sie ist das Zeichen, dass die Freiheit wirklich ist. Wer keine Angst mehr spürt, hat die Wahl vermutlich schon jemand anderem überlassen.
Doch selbst wer den Schwindel aushält und wählt, steht vor einer weiteren Frage. Wozu das alles, wenn keine Wahl am Ende einen Sinn garantiert? Albert Camus hat darauf eine eigenwillige Antwort gegeben. Sie beginnt mit einem Stein.

Der Stein
Kein Existenzialist
Albert Camus wird oft in einem Atemzug mit Sartre genannt. Er selbst hat das zurückgewiesen. In einem Interview vom November 1945 sagte er ohne Umschweife, er sei kein Existenzialist. Sein einziges philosophisches Buch habe sich sogar gegen die sogenannten existenzialistischen Philosophen gerichtet. Doch die beiden kannten sich und schätzten sich auch eine Weile. 1952 zerbrach jedoch die Freundschaft. Öffentlich, und im Streit über Camus' Buch Der Mensch in der Revolte.
Anders als Sartre stammte Camus nicht aus dem Pariser Milieu. Er wurde in Algerien geboren und wuchs in Armut auf. Sein Blick auf die Welt war weniger der eines Systematikers als der eines Schriftstellers. Seine Frage war nicht, wie der Mensch sein Wesen entwirft. Seine Frage war, ob man in einer Welt ohne Antwort überhaupt leben kann.
Das Absurde
Diese Frage stellt Camus in einem Essay, den er 1940 begann. Während Frankreich unter dem deutschen Angriff zusammenbrach. Erschienen ist er 1942 unter dem Titel Le Mythe de Sisyphe. Gleich zu Beginn stellt er die härteste denkbare Frage. Ob ein Leben ohne Sinn es wert ist, weitergeführt zu werden. Seine Antwort ist jedoch ein klares Nein zur Selbstaufgabe. Das Buch geht der entscheidenden Frage nach. Warum?
Im Zentrum steht ein Begriff. Das Absurde. Gemeint ist nicht, dass die Welt sinnlos ist. Gemeint ist auch nicht, dass der Mensch falsch fragt. Absurd ist erst die Begegnung von Mensch und Welt. Auf der einen Seite steht das menschliche Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben. Auf der anderen Seite steht das Schweigen der Welt. Der Mensch fragt. Die Welt schweigt. In diesem Zwischenraum lebt er. Und muss ihn ertragen.
Zwei Fluchten
Camus prüft, wie Menschen diesem Zwischenraum zu entkommen versuchen. Die erste Flucht ist die endgültige. Das Ende des eigenen Lebens. Camus lehnt sie ab. Wer diesen Weg wählt, hebt das Absurde nicht auf. Er verlässt es nur. Ohne den Menschen gibt es auch das Absurde nicht mehr. Und mit dem Menschen verschwindet die einzige Instanz, die es bezeugen kann.
Die zweite Flucht ist leiser. Sie ist die verzweifelte Hoffnung auf einen Sinn, der jenseits der Vernunft liegen soll. Hier wendet sich Camus ausgerechnet gegen Kierkegaard. Dessen Entscheidung für den Glauben, später oft als Sprung in den Glauben bezeichnet, nennt Camus einen philosophischen Selbstmord. Wer diesen Pfad betritt, tauscht die Vernunft gegen einen erhofften Trost. Das Wort vom Sprung stammt übrigens nicht von Kierkegaard selbst. Es wurde ihm nachträglich zugeschrieben.
Bleibt ein dritter Weg. Camus nennt ihn Revolte. Gemeint ist kein Aufstand und keine Gewalt. Gemeint ist eine Haltung. Man sieht das Absurde klar, ohne es zu beschönigen. Und man lebt trotzdem, ganz und mit allen Kräften. Für Camus ist das die einzige Freiheit, die dem Menschen bleibt.
Sisyphos
Für diese Haltung wählt Camus eine Figur aus der griechischen Mythologie. Sisyphos ist von den Göttern dazu verurteilt, einen Felsblock einen Berg hinaufzurollen. Kurz vor dem Gipfel rollt der Stein wieder hinab. Sisyphos muss von vorn beginnen. Immer wieder, ohne Ende.
Man könnte darin das Bild völliger Vergeblichkeit sehen. Camus sieht etwas anderes. Ihn interessiert der Moment, in dem Sisyphos den Berg wieder hinabsteigt, zurück zu seinem Stein. In diesem Moment weiß er um seine Lage. Er macht sich nichts vor. Und er geht trotzdem. Darin liegt seine Überlegenheit über das Schicksal, das ihn verurteilt hat. Seine Lage hat er nicht gewählt. Seine Haltung schon. Er wählt die Klarheit, nicht die Verzweiflung.
Der Essay endet mit zwei Sätzen, die berühmt geworden sind. Sinngemäß sagt Camus, der Kampf hinauf zu den Gipfeln genüge, um ein Menschenherz zu füllen. Man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.
Das ist keine Vertröstung. Sisyphos wird nicht erlöst, der Stein bleibt schwer, der Berg bleibt steil. Das Glück liegt nicht im Ergebnis. Es liegt im Tun selbst, im klaren Wissen um seine Vergeblichkeit.
Zwei Antworten auf dieselbe Leere
Hier trennen sich Camus und Sartre. Für Sartre entwirft der Mensch durch seine Wahl einen Sinn. Die leere Seite wird beschrieben. Für Camus bleibt die Welt stumm, was immer der Mensch schreibt. Der Sinn entsteht nicht als Antwort der Welt. Er entsteht genau in jener Haltung, mit der man ihr Schweigen erträgt.
Auch in einem zweiten Punkt widersprach Camus. Er hielt es für gefährlich, wie Sartre jede menschliche Natur zu leugnen. Eine Freiheit, die absolut und grenzenlos gesetzt werde, führe ins Unheil. Mit diesem Einwand ist Camus nicht allein. Kapitel IV wird ihm nachgehen.
Zurück zum Formular
Der Mann vor dem Formular kennt den Stein des Sisyphos. Jede Bewerbung ist ein neuer Anlauf. Jeder Lebenslauf wird geschrieben, verschickt und kommt vielleicht unbeantwortet zurück. Das Feld ganz oben verlangt einen Sinn, den ihm jedoch niemand bestätigt. Die Welt, in die er seine Sätze schickt, schweigt oft genug. Und beharrlich.
Camus würde ihm nicht raten, das Feld leer zu lassen. Er würde ihm auch nicht raten, sich eine Gewissheit vorzumachen, die er nicht hat. Er würde ihm raten, zu schreiben. Im Wissen, dass nichts garantiert ist. Und darin keine Niederlage zu sehen, sondern seine Würde.
Doch Sisyphos hat sich seinen Berg nicht ausgesucht. Und nicht jeder Stein ist gleich schwer. Wie frei ist eine Wahl, wenn andere den Hang gebaut haben, an dem man steht?
Die Grenze der Wahl
Drei Einwände
Bisher hat dieser Essay den Existenzialismus vor allem von innen betrachtet. Aus der Sicht dessen, der wählt. Doch auf dem Weg haben sich drei Einwände angesammelt. Im ersten Kapitel blieb offen, ob sich Stoff und Bauplan wirklich trennen lassen. Gemeint ist damit, ob die Voraussetzungen, die ein Mensch mit seiner Geburt erhält, über das bestimmen, was er daraus macht. Der zweite Einwand betraf Bourdieus Vorwurf, Sartres Kellner sei eine Erfindung am Schreibtisch. Der dritte kam von Camus. Er warnte vor einer Freiheit, die grenzenlos gesetzt wird. Alle drei zielen auf dieselbe Stelle. Wie frei ist eine Wahl, wenn andere den Hang gebaut haben, an dem man steht? Bestimmen nicht vielmehr die Umstände das Ergebnis?
Situation
Die erste, die diese Frage von innen stellte, war Simone de Beauvoir. Sie gehörte zum engsten Kreis um Sartre. Sie war aber keine bloße Schülerin. In ihrem Buch Pour une morale de l'ambiguïté von 1947 widerspricht sie der Vorstellung, Freiheit sei eine rein innere Angelegenheit. Freiheit kann durch die Situation entfremdet werden, in der ein Mensch lebt.
Beauvoir unterscheidet deshalb zwei Arten von Freiheit. Die eine hat jeder Mensch, weil er ein Bewusstsein hat. Die andere muss erst errungen werden. Sie ist die Freiheit, die eigenen Möglichkeiten auch tatsächlich ergreifen zu können. Wer unterdrückt wird, wer arm ist, wer in einer Welt aufwächst, die ihm fertig erscheint, besitzt die erste. Die zweite bleibt ihm oft verwehrt.
Daraus zieht Beauvoir eine Folgerung, die über Sartre hinausgeht. Frei sein heißt nicht, alles tun zu können. Es heißt, das Gegebene zu überwinden, um auf eine offene Zukunft zugehen zu können. Und die Freiheit der anderen ist dafür keine Störung, sondern die Bedingung. Wer seine eigene Freiheit ernst nimmt, muss deshalb auch die Freiheit der anderen wollen. Am Ende die Freiheit aller. Aus der Philosophie der Wahl wird so eine Aufgabe, die politisches Handeln verlangt. Die Forschung hat darin ein Echo von Kants kategorischem Imperativ gesehen.
Der gebaute Hang
Noch grundsätzlicher setzte der Soziologe Pierre Bourdieu an. Er warf Sartres Philosophie vor, sie denke den Menschen zu sehr vom Bewusstsein aus und zu wenig von der Gesellschaft. Sein Gegenbegriff heißt Habitus. Gemeint sind die Muster des Wahrnehmens, Urteilens und Handelns, die ein Mensch im Laufe seines Lebens verinnerlicht. In der Familie, in der Schule, in seinem Milieu. Sie sitzen nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Sie zeigen sich in der Haltung und in der Art zu sprechen. Und in einem unausgesprochenen Gefühl dafür, was für einen selbst infrage kommt und was nicht.
Bourdieu wollte damit den alten Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Determinismus überwinden. Der Habitus legt nicht fest, was ein Mensch tut. Er legt aber fest, was ihm überhaupt als Möglichkeit erscheint.
Liest man Sartres Kellner mit diesem Begriff, verändert sich das Bild. Vielleicht spielt er seine Rolle gar nicht, um sich der Freiheit zu entziehen. Vielleicht hat er sie so lange gelernt, bis sie ihm zur zweiten Natur geworden ist. Das ist eine Deutung, kein Befund. Sie zeigt aber, wo der Einwand trifft. Was Sartre Unaufrichtigkeit nennt, kann manchmal auch schlicht Prägung sein.
Was das Gehirn verrät
Ein dritter Einwand kommt aus der Hirnforschung. 1983 veröffentlichte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet ein Experiment, das berühmt wurde. Versuchspersonen sollten zu einem selbst gewählten Zeitpunkt eine einfache Bewegung ausführen. Messbar war eine Aktivität im Gehirn, das sogenannte Bereitschaftspotenzial. Es setzte offenbar ein, bevor die Personen angaben, sich bewusst entschieden zu haben. Viele lasen daraus, das Gehirn entscheide, bevor wir es wissen. Der freie Wille sei eine Täuschung.
Diese Deutung hält heute nicht mehr. Belegt sind die gemessenen Zeitabstände. Umstritten war von Anfang an, was sie bedeuten. 2012 schlug der Neurowissenschaftler Aaron Schurger mit Kollegen eine andere Erklärung vor. Das Bereitschaftspotenzial sei kein Signal einer bereits gefallenen Entscheidung. Es spiegle zufällige Schwankungen der Hirnaktivität, die erst durch die Art der Auswertung wie eine ansteigende Kurve aussehen. Diese Erklärung hat in der Fachwelt weitgehend überzeugt.
Dazu kommt ein zweiter Punkt. In Libets Versuch ging es um eine Fingerbewegung ohne jede Bedeutung. Ob man jetzt tippt oder eine Sekunde später, ist gleichgültig. Mit der Wahl von Sartres Schüler zwischen seiner Mutter und dem Kampf gegen die deutsche Besatzung hat das wenig zu tun. Ob der Mensch im tiefsten Sinn frei ist, haben diese Experimente also nicht entschieden. Sie haben nur gezeigt, wie schwer die Frage zu messen ist.
Stoff und Spielraum
Bemerkenswert ist, dass Sartre selbst seine Position verschoben hat. Sieben Jahre nach dem Pariser Vortrag schrieb er 1952 ein Buch über den Schriftsteller Jean Genet. Genet war als Waisenkind früh zum Dieb gestempelt worden und machte aus diesem Stempel später seine Literatur. Sartre fasst daraus einen Satz, der seine frühe Formel abmildert. Entscheidend sei nicht, was man aus uns gemacht hat. Entscheidend sei, was wir selbst aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.
Damit ist die Freiheit nicht verschwunden. Aber sie hat einen Ort bekommen. Sie beginnt nicht mehr auf einer leeren Seite, sondern auf einer, die schon beschrieben ist. Von der Herkunft, vom Körper, von den anderen.
Der Essay kann die Frage aus dem ersten Kapitel damit nicht endgültig beantworten. Möglich ist aber eine vorsichtige Einschätzung. Der Stoff, also unsere persönlichen Voraussetzungen, prägt mehr, als Sartre 1945 zugeben wollte. Er legt aber nicht alles fest. Zwischen dem, was gegeben ist, und dem, was daraus wird, bleibt ein Spielraum. Wie groß er ist, ist nicht für alle gleich.
Zurück zum Formular
Auch das Formular des Mannes ist nicht so leer, wie es aussieht. Die Rubriken darunter sind längst gefüllt. Mit einer Herkunft, mit Abschlüssen, die andere ihm ermöglicht oder verwehrt haben, mit Stationen, die er nicht alle selbst gewählt hat. Wer auf das nächste Gehalt angewiesen ist, schreibt in das Feld ganz oben anders als jemand, der es sich leisten kann, ehrgeizig zu sein.
Und doch bleibt das Feld offen. Klein vielleicht, aber offen. Was er hineinschreibt, ist nicht nur Ausdruck seiner Lage. Es ist auch eine Antwort darauf.
Bleibt die Frage, wer den Hang heute baut. Früher waren es Stand, Kirche und Herkunft. Heute kommen andere Baumeister hinzu. Sie verbieten nichts. Sie schlagen nur vor.
Freiheit im Zeitalter der Vorschläge
Das Menü
Ein großer Teil dessen, was Menschen heute sehen, hören, lesen und kaufen, kommt als Vorschlag zu ihnen. Weder als Befehl noch als Verbot. Oft als Teil einer Strategie, in Form einer freundlichen Offerte. Der Streamingdienst Netflix hat 2015 in einer Fachzeitschrift beschrieben, wie sein Empfehlungssystem arbeitet. Nach Angaben des Unternehmens kommt die große Mehrheit der Sehstunden über Empfehlungen zustande, nicht über die eigene Suche.
Das ist kein offensichtlicher Zwang. Jeder kann suchen, ablehnen, etwas anderes wählen. Die Freiheit bleibt formal unangetastet. Und doch verändert sich etwas an ihrer Gestalt. Wer aus einem Menü wählt, wählt zwischen Möglichkeiten, die andere vorbereitet haben. Das ist eine Option. Ein selbst erfundener Lebensentwurf im Sinne Sartres ist etwas anderes. Er beginnt dort, wo noch nichts angeboten wird. Doch in einer Zeit, in der für fast alles schon ein Angebot bereitliegt, wird dieser Ort schwerer zu finden.
Die Architektur der Wahl
Dass und wie Vorschläge wirken, ist gut untersucht. 2008 veröffentlichten der Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein ein Buch mit dem Titel Nudge. Ein Nudge ist ein sanfter Stoß. Gemeint ist jede Gestaltung einer Wahlsituation, die das Verhalten von Menschen vorhersehbar verändert. Und zwar ohne eine Möglichkeit zu verbieten oder die Anreize wesentlich zu verschieben. Thaler und Sunstein nennen das Wahlarchitektur.
Ihre wichtigste Einsicht ist unscheinbar, aber folgenreich. Es gibt keine neutrale Voreinstellung. Irgendetwas geschieht immer, wenn ein Mensch nichts tut. Wer diese Voreinstellung festlegt, lenkt viele, ohne dass sie es merken. Sunstein hat das mit einem Navigationsgerät verglichen. Es lässt jede Route offen und führt einen doch in eine Richtung.
Thaler und Sunstein wollten damit Menschen zu besseren Entscheidungen verhelfen. Thaler selbst hat aber eingeräumt, dass man auch zum Bösen oder zum Profit anstoßen kann. Die Architektur ist nicht gut oder schlecht. Sie hat Architekten. Und die Frage aus dem vorigen Kapitel kehrt zurück. Wer baut heute den Hang?
Zu viel Wahl?
Für Vorschläge spricht ein beliebtes Argument. Zu viel Wahl lähme. Als Beleg dient meist ein Experiment aus dem Jahr 2000. Die Psychologen Sheena Iyengar und Mark Lepper bauten in einem Supermarkt einen Probierstand auf. An einem Tag mit sechs Marmeladensorten, an einem anderen mit vierundzwanzig. Von denen, die am kleinen Stand probierten, kauften etwa dreißig Prozent. Am großen Stand waren es etwa drei Prozent.
Die Geschichte wurde berühmt. Sie hält aber weniger, als sie verspricht. Eine Auswertung von fünfzig Experimenten kam 2010 zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Effekt praktisch null ist. Manchmal schadet mehr Auswahl, manchmal hilft sie. Wovon das abhängt, ist nicht geklärt.
Für diesen Essay ist das aufschlussreich, aber aus einem anderen Grund. Das Experiment misst eine Überforderung durch Auswahl. Der Schwindel, von dem Kierkegaard sprach, ist etwas anderes. Er entsteht nicht aus der Zahl der Möglichkeiten, sondern aus der Freiheit selbst. Daraus, dass nichts die Wahl begründet und niemand sie abnimmt. Das eine ist eine Frage der Psychologie, das andere eine Frage der Existenz. Deshalb können Vorschläge diesen Schwindel nicht heilen. Sie können ihn höchstens überdecken.
Entlastung oder Unaufrichtigkeit
Nicht jede abgegebene Wahl ist eine Flucht. Welcher Film am Abend läuft, ist ungefähr so bedeutsam wie Libets Fingerbewegung. Wer sich hier helfen lässt, verliert nichts Wesentliches. Entlastung ist kein Laster. Sie schafft Raum für das, was zählt.
Heikel wird es dort, wo die großen Fragen in dieselbe Form geraten. Was soll ich lernen, wen soll ich treffen, wie soll ich mich beschreiben? Auch dafür gibt es inzwischen Vorschläge. Kierkegaard hatte über die Menge geschrieben, sie schwäche die Verantwortung des Einzelnen, weil sie ihm nur noch einen Bruchteil der Entscheidung lasse. Ein System, das vorschlägt, könnte eine neue Form dieser Menge sein. Unsichtbar, höflich und immer zur Stelle.
Dann käme zu den Ausreden der Unaufrichtigkeit eine neue hinzu. Neben Ich hatte keine Wahl und So bin ich eben stünde Das wurde mir vorgeschlagen. Sartre selbst lässt sich allerdings auch anders lesen. Wer Rat sucht, hat bereits gewählt. Er hat entschieden, wen er fragt und welchem Rat er folgt. Im Sinne Sartres bliebe die Verantwortung also beim Fragenden, wie gut der Vorschlag auch sein mag. Die Unaufrichtigkeit läge nicht im Annehmen eines Vorschlags. Sie läge im Vergessen, dass man ihn angenommen hat.
Beauvoir würde eine weitere Frage stellen. Wer gestaltet die Vorschläge, aus denen Millionen wählen? Und wessen Freiheit haben die Gestalter dabei im Blick? Diese Frage gehört nicht allein dem Einzelnen. Sie richtet sich an die Architekten der Wahl.
Zurück zum Formular
Das Feld ganz oben auf dem Formular ist längst nicht mehr so leer wie früher. Schon im Prolog stand darin ein Vorschlag in grauer Schrift. Teamfähig, lösungsorientiert, belastbar. Heute gibt es Programme, die solche Felder in Sekunden füllen können. Fehlerfrei, passend zur Stellenanzeige, vielleicht sogar besser formuliert, als der Mann es selbst könnte.
Er könnte das annehmen. Dann stünde dort ein Text, den andere für ihn entworfen haben. Die Rolle des Kellners, nur eleganter geschrieben. Er könnte den Vorschlag auch als Stoff nehmen und nicht als Bauplan. Lesen, verwerfen, umschreiben, bis dort steht, wofür er einstehen will.
Die Frage ist also nicht, ob er Vorschläge nutzt. Die Frage ist, ob er noch weiß, dass er wählt.
Epilog
Ein paar Tage später. Wieder kurz nach zehn am Abend. Der Laptop steht aufgeklappt auf dem Tisch. Das Formular ist noch da. Die Rubriken sind gefüllt. Jahreszahlen, Firmennamen, Abschlüsse. Nur das Feld ganz oben ist leer.
Am Rand des Bildschirms erscheint ein Hinweis. Ein kleines Fenster mit einem freundlichen Angebot. Eine KI-Funktion seines Browsers. Soll ich das für Sie formulieren? Darunter ein Knopf. Ein Klick würde genügen.
Er klickt. Der Text erscheint in Sekunden. Drei Sätze, glatt und fehlerfrei. Sie passen zur Stellenanzeige. Sie klingen nach jemandem, den man einstellen würde. Er liest sie zweimal. Falsch sind sie nicht. Aber sie könnten über fast jeden geschrieben sein.
Er löscht sie nicht sofort. Er sieht sie an wie den Vorschlag eines Fremden. Ein Satz darin gefällt ihm. Den behält er. Die anderen streicht er.
Dann schreibt er selbst weiter. Langsam. Einen Satz, der nicht beschreibt, was er war. Einen weiteren darüber, was er versuchen will. Er weiß nicht, ob er ihn halten kann. Er schreibt ihn trotzdem.
Vielleicht wird die Bewerbung abgelehnt. Vielleicht kommt auch nie eine Antwort. Die Welt, in die er seine Sätze schickt, schweigt oft genug. Daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich nur eines. Er weiß, dass er gewählt hat. Auch den einen Satz, den er übernommen hat. Und die anderen, zu denen er sich durchgerungen hat.
Die Seite ist nun nicht mehr leer. Fertig ist sie aber auch nicht. Was dort steht, zeigt kein fertiges Wesen. Es ist sein Entwurf, für den Er einstehen muss. Morgen könnte er ihn ändern. Übermorgen wieder. Das ist die Bürde. Und es ist der Sinn, der erst durch sie möglich wird. Keiner, den ihm jemand vorgibt. Einer, den er selbst setzt.
Im Sinne des Existenzialismus hat er seine Angst nicht überwunden, sondern ausgehalten. Er hat seine Freiheit ergriffen und einen Entwurf seines künftigen Wesens gewagt.
Er schickt die Bewerbung ab. Der Cursor blinkt weiter. Diesmal jedoch am Ende eines Satzes.
Was wir nicht wissen, ist mehr geworden. Wir fragen weiter.