Das Wesen am Fenster
Warum wendet sich ein Wesen gegen die eigene Lebensgrundlage, obwohl es klug genug ist, die Gefahr zu erkennen?
Über den Menschen und seine Schwierigkeit, sich selbst zu begrenzen
Prolog
Das Achselzucken
In einem wohlhabenden, industrialisierten Land steht ein Mensch am Fenster. Draußen ist der Himmel von einem Grau, das sonst so früh im Jahr nicht üblich ist. Die Nachrichten hat er, wie es seine tägliche Routine ist, während des morgendlichen Kaffees gestreamt. Sie berichteten von weiteren Rekorden. Einer Dürre und Hitzewelle im Norden. Einem Schneesturm mit eisigen Temperaturen im Süden. Er hat die Zahlen der betroffenen Menschen und ihre Schicksale erfahren. Er versteht, was sie bedeuten. Er weiß, dass es ernst ist. Ernster als das meiste, was ihn sonst beschäftigt.
Mit einem unmerklichen Achselzucken wendet er sich ab. Es erwartet ihn ein anstrengender Tag. Er fährt zur Arbeit. Abends kauft er ein, trifft sich noch mit Freunden, plant den ersehnten Urlaub. Erschöpft begibt er sich zu Bett. Kurzum er lebt weiter, als beträfen ihn all die Meldungen nicht persönlich. Dies nicht aus Dummheit. Er ist nicht dumm. Nicht aus Bosheit. Er wünscht niemandem etwas Schlechtes. Seinen mittlerweile erwachsenen Kindern und seinen zahlreichen Enkeln am allerwenigsten. Er tut es, weil er offenbar nicht anders kann.
Für ihn ist das Wetter etwas, das geschieht. So wie der Regen fällt und die Sonne aufgeht. Die Dürre kommt, ein Sturm kommt. Und beides vergeht wieder. Zu oft sieht er die Zahlen steigen. Dann wieder fallen. Hört oftmals eindringliche Warnungen. Vereinzelt überzeugte Skepsis. Im Trubel des Alltäglichen zieht all das jedoch an ihm vorüber. Wie ein Naturereignis. Dem man zusieht und das man gleichgültig erträgt.
Das tolle Auto in der Garage, der Flug im Sommer, das volle Regal im Supermarkt gehören in seinem Kopf zu einer anderen Welt. Zwischen seinem Leben und den Meldungen am Morgen zieht er keine direkte Linie. Es gibt für ihn Katastrophen, Schicksale, Statistiken. Und es gibt sein eigenes Leben. Die unmittelbare Vernetzung sieht er nicht. Es ist wohl angenehmer so.
Das ist die eigentliche Merkwürdigkeit. Nicht dass ein Lebewesen die Ressourcen seiner Umgebung verbraucht. Das tun alle. Sondern dass trotz der Folgen vor Augen die Verbindung zum eigenen Ich nicht gelingt.
Man könnte meinen, er kennt den Unterschied. Fast jedes Tier lebt in der Gegenwart seiner Bedürfnisse. Es frisst, vermehrt sich, verbraucht Ressourcen. Manche Arten planen ein Stück voraus, legen Vorräte an, ahnen ein Morgen. Aber keine erfasst die ferne Folge ihres Tuns über Generationen. Und schon gar nicht über die ganze Erde hinweg. Der Mensch könnte genau das. Er kann seine eigene Wirkung berechnen. Das Ende absehen. Sich seines Zerstörens bewusst sein. Und doch tut er es meist nicht. Er ist das einzige Wesen, das die Verbindung sehen könnte, es aber meist nicht tut.
Genau hier stellt sich die Frage, um die dieser Essay kreist. Was ist das für ein Individuum, das klug genug ist, die Gefahr zu erkennen, und doch meist nicht fähig, diese auf sich selbst zu beziehen? Was hat es dorthin gebracht? Ist es wirklich unfähig, hinzusehen, etwas zu ändern, oder fällt es ihm nur unendlich schwer? Was muss geschehen, dass es erwacht und Konsequenzen zieht?
Der Mensch am Fenster hat sich abgewendet. Nicht weil er es nicht besser wüsste. Sondern weil das Wissen um die Welt und sein eigenes Leben in getrennten Räumen liegen. Wie es zu dieser Trennung kam, und ob sie überwindbar ist, thematisiert dieser Essay.
Das Wesen ohne Bremse
Das Gleichgewicht, das keiner will
In der Natur, dort wo der Mensch nicht eingreift, herrscht prinzipiell Gleichgewicht. Aber es ist kein friedliches. Es entsteht nicht aus Einsicht, sondern aus Druck.
Eine Population, zum Beispiel von Rehen, wächst, solange es Nahrung gibt. Wächst sie zu stark, wird das Futter knapp, und der Hunger dünnt sie wieder aus. Vermehren sich die Rehe, vermehren sich auch die Wölfe, die von ihnen leben. Bis die Wölfe so zahlreich sind, dass sie die Rehe dezimieren. Solange bis ihnen selbst die Nahrung fehlt und daraufhin ihre eigene Population wieder sinkt.
Ebenso breiten sich Krankheiten leichter aus, wo viele Individuen eng zusammenleben, und bremsen so das Wachstum. Kein Tier plant das. Keines beschließt, Maß zu halten. Das Maß wird ihm auferlegt. Von außen. Durch Hunger, Feind und Seuche.
Dieses Wechselspiel hält Ökosysteme in einem beweglichen Gleichgewicht. Nichts steht still. Zahlen steigen und fallen. Arten drängen vor und zurück. Aber über lange Zeit bleibt das Ganze selbst immer im Rahmen. Ein Wald bleibt ein Wald. Kein Reh frisst ihn kahl. Nicht weil die Rehe weise wären. Sondern weil alles, was zu stark wüchse, von selbst wieder eingefangen wird.
Das ist der entscheidende Punkt. Die Bremse sitzt nicht im einzelnen Tier. Sie sitzt im System. Die Beschränkung kommt von außen.
Wie der Mensch die Bremsen löste
Der Mensch begann wie jedes andere Tier. Eingebunden in dieses Gefüge. Auch ihn begrenzten Raubtiere. Hunger. Krankheit. Kälte. Über lange Zeiträume blieb seine Zahl klein. Es wirkten dieselben Kräfte auf ihn wie auf alle anderen auch.
Dann begann er, eine Bremse nach der anderen zu lösen. Nicht mit einem großen Plan. Sondern er orientierte sich an seinen Möglichkeiten. So setzte er Schritt für Schritt. Jeder für sich allein vernünftig. Und scheinbar positiv in vielen Bereichen.
Er lernte, sich gegen Raubtiere zu wehren. Mit Feuer. Waffen. Fallen. Mit Hilfe der Gemeinschaft. Die erste Bremse fiel.
Er lernte, Nahrung nicht nur zu finden, sondern zu erzeugen. Er erfand Ackerbau und Viehzucht. Später Maschinen und Kunstdünger. Und zwar in solcher Menge, dass der Hunger, der seine Zahl über Jahrtausende begrenzt hatte, für einen großen Teil der Menschheit seine Macht verlor. Die zweite Bremse fiel.
Er lernte, Krankheiten zu verstehen und zu bekämpfen. Mit Hygiene. Impfung. Medizin. Seuchen, die früher ganze Landstriche leerten, verloren ihre Wucht. Die dritte Bremse fiel.
Jeder dieser Schritte war ein Segen. Keiner war falsch. Wer wollte den Hunger zurück, die Seuche, den Tod durch das Raubtier? Aber in der Summe geschah etwas, das keiner beabsichtigt hatte. Das Wesen, das einmal Teil der Natur war wie jedes andere, hatte sich über sie gestellt. Hatte ihre Gesetzmäßigkeit überwunden. Sich von ihr scheinbar befreit.
Was übrig blieb
Zurück blieb eine Art, die sich vermehren und ausbreiten konnte, ohne dass die alten Kräfte sie noch bremsten. Und tatsächlich, mit dem Fallen der natürlichen Limits stieg die Zahl der Menschen. Erst langsam, dann in den letzten Jahrhunderten immer steiler. Und zwar in einer Kurve, wie die Natur sie sonst nur kurz vor einem Zusammenbruch kennt.
Hier ist eine Genauigkeit nötig, damit das Bild nicht kippt. Es gibt in der Natur durchaus Andeutungen von Selbstbegrenzung. Manche Tiere schränken ihre Fortpflanzung ein, wenn es zu eng wird. Ob das echte innere Bremsen sind oder nur weitere Reaktionen auf äußeren Druck, ist unter Experten umstritten. Sicher ist nur, dass solche Mechanismen schwach sind und selten. Und dass sie fast immer erst dann greifen, wenn die Not schon da ist. Nicht präventiv.
Genau eine solche vorausschauende, innere Bremse bräuchte der Mensch aber jetzt. Zumindest jener Teil der Menschheit, der die alten Bremsen weitgehend gelöst hat. Denn gelöst sind sie nicht überall und nicht für alle. Ein großer Teil der Menschen lebt weiter mit Mangel und Krankheit. Für sie wirken Hunger und Seuche fort. Und selbst dort, wo sie zurückgedrängt sind, sind sie es nicht für immer. Seuchen kehren wieder. Und die Fülle der Nahrung hängt an einem stabilen Klima und sicheren Handelswegen. An Bedingungen also, die gerade brüchig werden. Aber für die wohlhabenden, industrialisierten Gesellschaften gilt, dass keine unmittelbare äußere Not sie mehr zum Maß zwingt. Kein Feind, kein alltäglicher Hunger, keine Seuche, die ihre Zahl bestimmt. Was ihnen bleibt, ist eine Grenze anderer Art, die endliche Größe der Erde selbst. Und diese Grenze kommt nicht als Raubtier, nicht als Hunger, nicht als Seuche. Sie kommt lautlos.
Das ist die erste Schicht des Problems. Der Mensch ist das Wesen, das sich aus dem Gleichgewicht der Natur befreit hat und nun das Einzige tun müsste, wofür die Natur ihn nie gerüstet hat. Sich selbst begrenzen, aus eigenem Antrieb, bevor die Not ihn dazu zwingt.
Der kurze Blick
Gebaut für das Nahe
Der Mensch hat also die äußeren Bremsen gelöst und keine inneren an ihre Stelle gesetzt. Daraus folgt die zweite Schicht des Problems. Sie liegt in seinem Kopf. Das erklärt, warum ihm die innere Bremse so schwerfällt.
Das menschliche Empfinden ist nicht dafür gemacht, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Es wurde dafür gemacht, vor allem sein Überleben unmittelbar in der Gegenwart zu sichern. Diese Welt, wo derartige Verhaltensweisen essenziell waren, die gibt es aber so längst nicht mehr. Über den größten Teil seiner Geschichte, in der seine Prägung erfolgte, lebte der Mensch in kleinen Gruppen. In überschaubaren Räumen, mit kurzem Zeithorizont. Was zählte, war das Nahe. Das Raubtier im Gebüsch. Der Streit am Feuer. Die Nahrung für den Winter. Wer auf diese Dinge rasch und stark reagierte, überlebte und gab seine Anlagen weiter. Wer über ferne Gefahren in ferner Zukunft grübelte, hatte davon keinen Vorteil. Wurde Opfer der Evolution.
So entstand ein Empfinden, das auf das Unmittelbare geeicht ist. Auf das, was jetzt geschieht. Was nah ist, was ein Gesicht hat. Genau darin lag seine Stärke. Und genau darin liegt heute sein größtes Problem.
Warum die Gefahr uns nicht erreicht
Die großen Gefahren der Gegenwart haben eine unglückliche Eigenschaft. Sie sind das genaue Gegenteil dessen, worauf der Mensch geprägt wurde.
Sie sind fern, nicht nah. Die Folgen des eigenen Handelns treffen andere Weltgegenden, andere Menschen, spätere Zeiten. Sie sind langsam, nicht plötzlich. Sie kriechen über Jahrzehnte heran, statt im nächsten Augenblick zuzuschlagen. Sie sind abstrakt, nicht sinnlich. Eine Statistik hat kein Gesicht, eine Kurve knurrt nicht, ein Grad mehr im globalen Mittel löst keinen Reflex aus. Und sie sind allmählich, nicht sprunghaft. Was sich langsam genug verändert, nimmt der Mensch gar nicht als Veränderung wahr, sondern als neue Normalität.
Ein Reflex, der auf den Sprung des Raubtiers reagiert, läuft ins Leere, wenn die Gefahr die Gestalt einer langsam steigenden Kurve hat. Das Alarmsystem ist intakt. Es wird nur nicht ausgelöst. Der Mensch fürchtet das Flugzeug mehr als das Auto. Den Fremden mehr als die vertraute Zigarette. Den einzelnen Gewalttäter mehr als die Erwärmung des Globus, die am Ende ungleich mehr Leben kosten kann. Nicht weil er falsch rechnet. Sondern weil er nicht rechnet. Sondern fühlt. Und sein Gefühl stammt aus einer anderen Zeit.
Der Trost der Gewöhnung
Dazu kommt eine zweite Eigenheit des Kopfes. Er gewöhnt sich an fast alles.
Was gestern erschreckte, ist heute bekannt. Und morgen normal. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk. Sie erlaubt es, nach Schicksalsschlägen weiterzuleben und sich in neue Situationen zu finden. Aber sie hat auch eine Kehrseite. Sie lässt uns das Bedrohliche hinnehmen, wenn es nur langsam genug kommt. Jeder einzelne heiße Sommer für sich ist ein Ereignis. Eine ganze Kette davon wird zur Gewohnheit. Die Messlatte verschiebt sich mit. Unbemerkt. Was einst als extrem galt, gilt bald als das neue Übliche. So verliert die Gefahr genau die Schärfe, die nötig wäre, um zu erschrecken.
Das Fremde am eigenen Tun
Und schließlich die Lücke, die schon der Mensch am Fenster zeigte. Zwischen dem eigenen Tun und der fernen Folge stellt der Kopf keine Verbindung her.
Der Flug in den Urlaub ist ein konkretes Glück. Spürbar, mit Vorfreude besetzt. Sein Beitrag zur Erwärmung ist unsichtbar. Unmessbar klein im Einzelnen, dazu noch verteilt über die ganze Welt und viele Jahre. Zwischen der Handlung und ihrer Wirkung liegt eine Kluft. Sie ist zu groß, als dass das Gefühl sie überbrücken könnte. Der Verstand könnte diese Verbindung herstellen. Dazu müsste er allerdings angestrengt werden. Aber im Alltag ist das meist zu mühsam. Im Alltag regiert meist das Gefühl. Aber das Gefühl sieht die Verbindung nicht.
Das ist die zweite Schicht. Der Mensch handelt nicht gegen seine Lebensgrundlage, weil er böse oder dumm wäre. Sondern weil die Gefahr in einer Sprache spricht, die sein Empfinden nicht versteht. Die Gefahr ist fern. Langsam, abstrakt und allmählich. Er selbst ist jedoch gebaut für das Nahe. Plötzliche, Sinnliche und Sprunghafte. Zwischen Bedrohung und Empfinden liegt jene Kluft, in der die Einsicht versickert, bevor sie zur Tat wird.
Die Krone der Schöpfung
Eine Erzählung über den Rang
Die ersten beiden Schichten lagen im Körper und im Kopf, sie sind dem Menschen mitgegeben. Die dritte ist anderer Art. Sie ist nicht angeboren, sondern erzählt. Sie ist eine Idee, die der Mensch über sich selbst entwickelt hat. Ideen lassen sich aber ändern. Anders als Instinkte. Das macht diese Schicht zugleich gefährlich aber auch hoffnungsvoll.
Die Idee um die es hier geht ist die vom besonderen Rang des Menschen. Er steht angeblich nicht in der Natur, er steht über ihr. Die Welt ist nicht sein Mitlebensraum, sondern sein Besitz. Sein Material, seine Bühne. Tiere, Pflanzen, Flüsse, Böden sind lediglich Ressourcen. Sie sind da, um genutzt zu werden. Der Mensch ist die Krone, alles andere ist Mittel.
Diese Erzählung hat viele Quellen und eine lange Geschichte. Man sollte sie jedoch keiner einzelnen Kultur oder Religion allein zuschreiben. Das wäre zu einfach. Weder zielführend noch seriös.
Die Versuchung der einfachen Schuld
Es gibt eine bekannte These, die den Ursprung im biblischen Auftrag sucht, sich die Erde untertan zu machen und über die Tiere und Ressourcen zu herrschen. Daran ist etwas, denn diese Worte haben gewirkt. Aber als alleinige Erklärung greift die These zu kurz, und es lohnt zu sehen, warum.
Kulturen ohne dieses Erbe haben ihre Umwelt ebenso übernutzt. Wo Menschen die Macht dazu hatten, haben sie Wälder gerodet, Böden erschöpft, Tiere ausgerottet, in Amerika, in Asien, im pazifischen Raum, lange bevor eine europäische Idee sie erreichte. Und umgekehrt kennt gerade die biblische Tradition auch den Gedanken der Bewahrung, den Auftrag, den Garten zu hüten, nicht nur zu nutzen. Die Erzählung vom Herrn über die Natur ist also nicht das Eigentum einer Religion. Sie ist eine Versuchung, die überall dort auftritt, wo Menschen mächtig genug werden, ihre Umwelt zu beherrschen.
Ebenso falsch wäre das Gegenbild, die Vorstellung früherer oder naturnaher Völker als schuldlose Hüter eines Gleichgewichts. Auch das ist ein Klischee. Frühe Kulturen haben Großtiere ausgerottet und Landschaften verwüstet. Sie lebten oft nicht maßvoller aus Einsicht, sondern weil ihnen die Mittel zur großen Zerstörung fehlten. Wo die Mittel wuchsen, wuchs auch der Verbrauch. Die Bescheidenheit war meist eine der Möglichkeiten, nicht der Gesinnung.
Wie aus Ermächtigung Überhebung wurde
Interessant wird die Erzählung dort, wo sie sich mit der Macht verbindet. Solange der Mensch schwach war, blieb die Idee vom Herrn über die Natur ein Anspruch ohne große Folgen. Er konnte sich zum Herrn erklären, aber die Natur blieb übermächtig.
Das änderte sich mit der Wissenschaft und der Technik. Nun bekam die alte Erzählung ein Werkzeug. Der Mensch verstand die Naturgesetze und lernte, sie zu nutzen. Er baute Maschinen, die die Kraft von tausend Händen hatten. Er verwandelte Wälder in Äcker, Flüsse in Energie, Bodenschätze in Wohlstand. Und mit jedem Erfolg wuchs die Überzeugung, dies sei die richtige Ordnung. Die Natur zu unterwerfen galt nicht mehr nur als erlaubt, sondern als Fortschritt, als Bestimmung, als das eigentlich Menschliche.
Hier wurde aus einer Ermächtigung eine Überhebung. Die Idee, sich die Welt nutzbar zu machen, ist an sich nicht falsch, alles Leben nutzt seine Umgebung. Zur Gefahr wird sie erst, wenn sie sich mit der Vorstellung verbindet, die Natur sei nichts als Material, unerschöpflich, ohne eigenen Wert, allein für den Menschen da. Diese Vorstellung entlastet von jeder Rücksicht. Wer die Welt für sein Eigentum hält, muss sie nicht schonen.
Die Erzählung, die sich selbst bestätigt
Das Tückische an dieser Schicht ist, dass sie sich lange selbst bestätigte. Jeder gerodete Wald brachte Ackerland, jede angezapfte Quelle brachte Energie, jeder Fortschritt schien der Erzählung recht zu geben. Die Natur schien tatsächlich unerschöpflich, weil sie so groß war und der Mensch so lange so klein. Die Kammer wirkte unendlich.
Genau das ist die Verbindung zu den ersten beiden Schichten. Die kulturelle Erzählung vom Herrn über die Natur trifft auf ein Wesen, das seine Bremsen gelöst hat und dessen Empfinden das Ferne nicht erreicht. Alle drei wirken zusammen. Der Körper kennt keine Grenze, der Kopf sieht sie nicht, und die Kultur erklärt, dass es keine geben muss. So entsteht eine Haltung, die den Verbrauch nicht nur zulässt, sondern feiert.
Das ist die dritte Schicht. Sie ist die einzige, die der Mensch selbst geschaffen hat, und deshalb die einzige, die er im Grundsatz auch ändern könnte. Eine Erzählung, die uns hierher gebracht hat, ließe sich durch eine andere ersetzen. Ob das gelingt, ist offen. Aber dass es denkbar ist, unterscheidet diese Schicht von den beiden darunter.

Die Ordnungen der Kurzsicht
Wenn die Anlage zur Struktur wird
Die drei bisherigen Schichten lagen im Menschen selbst, im Körper, im Kopf, in seinen Erzählungen. Die vierte liegt außerhalb. Sie steckt in den Ordnungen, die der Mensch sich gegeben hat, in Wirtschaft, Märkten, Staaten. Das Besondere an ihr ist, dass sie die anderen drei nicht mildert, sondern verstärkt. Der Mensch hat Systeme gebaut, die seine Kurzsicht nicht ausgleichen, sondern belohnen.
Das ist nicht selbstverständlich. Man könnte Ordnungen bauen, die den kurzen Blick korrigieren, die das Ferne gewichten und das Langsame sichtbar machen. Manche Institutionen versuchen das. Aber die mächtigste Ordnung der Moderne, die Wachstumswirtschaft, tut das Gegenteil. Sie macht aus der menschlichen Neigung zum Nahen und Sofortigen ein Prinzip.
Der eingebaute Zwang zum Mehr
Die moderne Wirtschaft ist auf Wachstum gebaut. Nicht als Wunsch, sondern als Bedingung. Wer investiert, erwartet mehr zurück, als er gab. Kredite kosten Zinsen, die erwirtschaftet werden müssen. Renten, Ersparnisse, Staatshaushalte rechnen mit steigenden Erträgen. Bleibt das Wachstum aus, gerät das ganze Gefüge ins Rutschen. Eine Wirtschaft, die nicht wächst, gilt nicht als ruhend, sondern als krank.
So entsteht ein Zwang, der von niemandem ausgeht und trotzdem auf allen lastet. Das System muss in Bewegung bleiben, sonst fällt es in sich zusammen. Und Bewegung heißt hier Verbrauch. Denn jedes Wachstum, das nicht rein im Immateriellen bleibt, zieht Material und Energie durch die Welt. Die Wachstumswirtschaft ist damit die institutionelle Form der gelösten Bremse aus dem ersten Kapitel. Was dort die Biologie war, das Fehlen einer inneren Grenze, ist hier in eine Ordnung gegossen. Das System selbst kennt kein Genug.
Das blinde Maß
Dazu kommt, wie diese Ordnung ihren Erfolg misst. Sie hat sich auf eine einzige Zahl geeinigt. Das Bruttoinlandsprodukt. Dieses misst, wie viel in einem Jahr produziert und gehandelt wird. Steigt es, gilt es als gut. Verringert es sich, wird es zum Problem.
Diese Zahl aber ist auf dieselbe Weise kurzsichtig wie das menschliche Empfinden. Sie misst den Fluss des Geldes. Nicht den Bestand dessen, wovon wir leben. Nicht die Ressourcen. Ein Wald, der steht, kommt in ihr nicht vor. Ein Wald, der gefällt und verkauft wird, lässt sie steigen. Sie kennt kein Minus für einen verbrauchten Boden. Keinen Wert für saubere Luft. Und sie verbucht sogar Zerstörung als Gewinn, sobald deren Beseitigung Geld kostet. Das Maß, an dem die Ordnung ihren Erfolg abliest, ist blind für genau das, was auf dem Spiel steht.
Damit verdoppelt die Struktur den kognitiven Fehler des Menschen. Der Kopf sieht das Ferne nicht. Und die Zahl, die den Kopf ersetzen sollte, sieht es auch nicht. Beide zusammen erzeugen eine Ordnung, die aufzehrt, wovon sie lebt. Und dies sogar als Erfolg verbucht.
Die Kammer
An dieser Stelle lohnt ein Bild. Man stelle sich eine Vorratskammer vor, gefüllt mit allem, was eine Gemeinschaft zum Leben braucht. Jedes Jahr wird etwas entnommen. Und zwar jedes Jahr doppelt so viel wie im Jahr davor. Im ersten Jahr nur eine Kiste. Im zweiten dann zwei. Im dritten sind es schon vier. Das klingt lange harmlos. Denn gemessen an der vollen Kammer erscheinen diese frühen Entnahmen gering. Über viele Jahre schrumpft der Vorrat scheinbar nur wenig. Aber dann geht es plötzlich schnell. Zwei Jahre vor dem Ende ist die Kammer noch zu drei Vierteln gefüllt. Ein Jahr vor dem Ende immer noch zur Hälfte. Wer nun auf die halb volle Kammer blickt, sieht keine Gefahr, sondern Fülle. Er sieht Zeit, die nicht mehr da ist. Ein Jahr später jedoch ist all der Vorrat aufgebraucht. Denn im letzten Jahr wird genauso viel entnommen wie in all den Jahren davor.
Und nun zur Wirtschaft. Keine reale Wirtschaft verdoppelt ihre Entnahme jedes Jahr. Aber sie wächst. Und Wachstum wirkt auf dieselbe Weise, nur langsamer. Drei Prozent im Jahr, eine Zahl, die nach Maß klingt, verdoppeln die Entnahme in etwa dreiundzwanzig Jahren. Dann noch einmal, und wieder. Auch hier kommt der Punkt, an dem "die Kammer halb leer ist". Das selbe Phänomen. Nur liegt der kritische Punkt nicht ein Jahr vor dem Ende, sondern rund dreiundzwanzig. Ein ganzes Menschenleben scheint noch Vorrat. Und doch wird in denselben dreiundzwanzig Jahren die verbliebene Hälfte zur Gänze verbraucht. So viel wie all die Jahrzehnte zuvor.
Das ist die systemische Täuschung. Das menschliche Empfinden nimmt das langsame, exponentielle Anwachsen nicht als Bedrohung wahr. Die Wirtschaftsordnung, die darauf gebaut ist, tut es ebenso wenig. Die volle Kammer täuscht den Menschen genauso wie das gesamte Wirtschaftssystem.
Warum die Ordnung sich so schwer ändert
Man könnte meinen, eine kluge Gesellschaft würde die Ordnung ändern, sobald sie den Fehler erkennt. Doch die Ordnung wehrt sich, nicht aus Bosheit, sondern aus Struktur.
Wer heute umsteuert, trägt die Lasten sofort. Die Vorteile jedoch fallen erst später an. Und oft bei anderen. Kein Unternehmen kann allein aussteigen, ohne im Wettbewerb unterzugehen. Keine Regierung kann Wohlstand bremsen, ohne abgewählt zu werden. Jeder Einzelne handelt vernünftig innerhalb der Ordnung. Und gerade deshalb bewegt und ändert sich die Ordnung nicht. Das ist die Falle. Sie besteht nicht aus unvernünftigen Menschen, sondern aus wohl kalkulierten Entscheidungen in einem System, das auf Wachstum angewiesen ist.
Das ist die vierte Schicht. Der Mensch hat eine Ordnung geschaffen, die ihn in seiner erlernten Wahrnehmung überfordert.
Der Fall, in dem alles zusammenkommt
Vier Schichten, ein Ereignis
Die Klimakrise ist nicht das Thema dieses Essays. Sie ist sein Beweisstück. An ihr zeigt sich, wie die vier Schichten nicht nebeneinanderliegen, sondern ineinandergreifen, bis aus vier einzelnen Schwächen eine einzige, schwer auflösbare Lage wird.
Die gelöste Bremse sorgt dafür, dass nichts von außen den Verbrauch begrenzt. Der kurze Blick sorgt dafür, dass die Gefahr nicht gefühlt wird, weil sie fern, langsam und abstrakt ist. Die Erzählung vom Menschen als Herrscher über die Natur sorgt dafür, dass der Verbrauch nicht als Übergriff erscheint, sondern als Recht. Und die Ordnung der Kurzsicht sorgt dafür, dass all das der einzelnen Entscheidung entzogen ist. Und darüberhinaus einer Struktur entspringt, die jeden benachteiligt, der allein vorangeht.
Jede Schicht für sich wäre vielleicht zu überwinden. Zusammen bilden sie eine Wand. Wer an einer Stelle drückt, spürt den Widerstand der anderen drei. Wer seinen Verbrauch senkt, handelt gegen die Ordnung. Gegen die Gewohnheit. Und gegen das eigene Empfinden sowie gegen eine jahrhundertealte Erzählung zugleich. Das ist der Grund, warum das Problem so unnachgiebig ist. Es hat nicht eine einzige Ursache. Es sind vier. Und sie stützen einander.
Die ungleiche Rechnung
Hier tritt die Ungleichheit hervor, die diesen Essay durchzieht, und sie ist bei der Klimakrise besonders scharf.
Der Mensch, der am meisten verbraucht, lebt die vier Schichten am stärksten. Er findet sich in einer Gesellschaft, die ihre Bremsen am weitesten gelöst hat. Deren Empfinden vom nächsten Konsum bestimmt wird. Deren Kultur den Verbrauch am lautesten feiert. Deren Ordnung am striktesten aufs Wachstum baut. Und zugleich ist er es, den die Folgen am spätesten erreichen. Er hat die Mittel, sich zu schützen. Deiche zu bauen, Klimaanlagen zu kaufen, Ernteausfälle durch Einkauf auszugleichen. Und er macht genau das. Nicht die Ursachen stehen im Fokus, sondern Symptome werden bedient.
Wer hingegen am wenigsten verbraucht, trägt die Folgen zuerst und am härtesten selbst. Menschen in ärmeren Regionen, die kaum zur Erwärmung beigetragen haben, verlieren ihre Ernten, ihr Wasser, ihr Land. Die Rechnung wird also nicht dort präsentiert, wo sie entsteht. Das ist nicht nur ungerecht, es verschärft das Problem. Denn wer die Folgen nicht spürt, hat noch weniger Anlass, sein Verhalten zu ändern. Dieselbe Trennung von Ursache und Folge, die beim einzelnen Menschen die Einsicht verhindert, wiederholt sich nun zwischen den Weltregionen. Der kurze Blick wird zum globalen Muster.
Die Belastung der Ordnung
Sichtbar wird das Zusammenwirken der Schichten überall dort, wo eine Gesellschaft den Umbau tatsächlich versucht. Der Wechsel von fossiler zu sauberer Energie ist technisch weit gediehen, aber er verlangt genau das, wogegen alle vier Schichten sprechen. Er verlangt, heute zu verzichten für einen Nutzen, der später und vielleicht anderswo anfällt.
Das trifft eine besonders wunde Stelle der demokratischen Ordnung, die in einer früheren Folge dieser Reihe genauer betrachtet wurde. Demokratien rechnen in Wahlperioden. Wer regiert, muss bald Ergebnisse zeigen. Eine Politik, die sofort Lasten auferlegt und deren Ertrag erst nach Jahrzehnten sichtbar wird, ist für jede Regierung ein Wagnis. Der Anreiz, die Last aufzuschieben, ist eingebaut. Aber die Physik der Atmosphäre wartet nicht, bis der Ausgleich gefunden ist.
Die politische Versuchung
Zwischen dem, was nötig wäre, und dem, was zumutbar scheint, öffnet sich eine Lücke, und Lücken bleiben in der Politik nicht leer.
Wer sich als Verlierer des Umbaus erlebt, wer höhere Kosten trägt und den Nutzen nicht sieht, sucht eine Erklärung und wird sie finden. Es gibt immer Stimmen, die versprechen, all das sei unnötig. Das Problem übertrieben, der Verzicht ein Betrug der Eliten. Sie müssen die Krise gar nicht leugnen. Oft genügt es, sie zur Nebensache zu erklären. Die Botschaft ist entlastend, angenehm und beruhigend zugleich. Nicht du musst dich ändern, sondern die anderen sind schuld. Ein perfider Schachzug der Demagogen. Denn Entlastung und Schuldzuweisung an andere finden immer Zuspruch.
Die Gefahr ist aber nicht der Streit über den richtigen Weg. Auseinandersetzung ist notwendig. Die Gefahr ist, dass die Klimafrage zum Hebel wird, mit dem das Vertrauen in die Fähigkeit der Demokratie, große Aufgaben zu lösen, überhaupt untergraben wird. Die Krise liefert nicht den Grund, aber sie ist Anlass für den Ruf nach der starken Hand und der einfachen Ordnung. Nach vergangenen Zeiten, die nie so waren wie dargestellt. Das alles ist jedoch keine Zwangsläufigkeit. Ob es geschieht, hängt davon ab, ob der Umbau als gerecht empfunden wird. Eine als ungerecht erlebte Klimapolitik erzeugt den Unmut, von dem die Feinde der offenen Gesellschaft leben. Eine als gerecht erlebte würde ihnen den Nährboden entziehen. Die politische Erfahrung stimmt hier nicht zuversichtlich. Der Ruf nach Entlastung findet leichter Gehör als der nach Verzicht.
Das Bild der Lage
Damit steht die Lage vollständig vor uns. Ein Wesen, das seine Bremsen gelöst hat. Das die Gefahr nicht fühlt. Das sich als Beherrscher der Natur versteht und Ordnungen gebaut hat, die diese Haltung belohnen. Ein Wesen, dessen mächtigste Individuen am wenigsten leiden aber dessen Schwächste zuerst zahlen. Und eine politische Struktur, die überfordert gebaut ist mit einer Aufgabe, die Weitsicht und raschen Entschluss zugleich verlangt.
Das ist kein Bild, das zur Hoffnung einlädt. Und doch fehlt ihm etwas, ohne das es unvollständig wäre. Denn dasselbe Wesen, das all dies angerichtet hat, ist auch das einzige, das es durchschauen kann. Davon handelt das letzte Kapitel.
Das Wesen, das sich sehen kann
Die andere Seite derselben Anlage
Der ganze Essay hat den Menschen als das Wesen beschrieben, das seine Grenzen verloren hat. Doch dieselbe Beschreibung enthält von Anfang an ihr Gegenteil, und es wäre unredlich, es zu verschweigen.
Das Wesen, das die Bremsen lösen konnte, ist das einzige, das überhaupt weiß, dass es sie gelöst hat. Das Wesen, dessen Blick zu kurz ist, ist das einzige, das seinen eigenen kurzen Blick erkennen kann. Kein Reh weiß, dass es sich vermehrt, bis das Futter knapp wird. Der Mensch weiß es. Er kann die Kurve zeichnen, auf der er sich bewegt, er kann das Ende berechnen, er kann sich selbst beim Verbrauchen zusehen. Genau diese Fähigkeit, die im Prolog noch folgenlos blieb, ist die einzige Bremse, die ihm bleibt. Keine äußere Not zwingt ihn mehr. Aber er kann sich selbst zwingen, weil er sich selbst versteht.
Das ist keine Kleinigkeit und kein Trost, sondern schlicht die andere Hälfte des Befunds. Der Mensch ist nicht nur das Wesen ohne Bremse. Er ist auch das Wesen, das eine Bremse erfinden könnte. Für genau die eine Situation auf die ihn die Evolution nicht vorbereitet hat.
Dass es geht, ist bewiesen
Die Behauptung, der Mensch könne sich nicht selbst begrenzen, ist widerlegbar. Zwar nicht durch Hoffnung, sondern durch Belege.
Es hat Fälle gegeben, in denen Menschen ein gemeinsames Gut vor der Übernutzung bewahrt haben. Fischergemeinschaften, die ihre Fanggründe über Generationen nicht leerten, weil sie Regeln erfanden und einhielten. Regionen, die ihre Wälder bewahrten, statt sie zu roden. Die Forschung über solche Fälle hat gezeigt, dass Selbstbegrenzung möglich ist. Unter ganz bestimmten Bedingungen. Wenn die Betroffenen die Folgen ihres Tuns sehen. Wenn sie einander vertrauen, wenn sie selbst über die Regeln bestimmen. Wenn Verstöße sichtbar werden. Dann gelingt es. Nicht immer, aber oft genug, um zu beweisen, dass es keine biologische Unmöglichkeit ist.
Auch im Großen gibt es Beispiele. Die Menschheit hat vor Jahren erkannt, dass bestimmte Stoffe die schützende Schicht der Atmosphäre zerstörten, und hat sie weltweit verboten. Das war kein Wunder, es war ein Beschluss. Die Schicht erholt sich seitdem. Es zeigt sich, dass gemeinsames Handeln über Grenzen hinweg möglich ist. Wenn das Problem klar, die Lösung greifbar und die Kosten tragbar sind. Und die Demagogen keine Mehrheit finden.
Diese Beispiele beweisen nicht, dass die große Wende gelingen könnte. Sie beweisen etwas Bescheideneres und doch Entscheidendes. Dass Selbstbegrenzung in der menschlichen Möglichkeit liegt. Der Mensch kann es. Die Frage ist nicht, ob er es kann, sondern ob er es im nötigen Maßstab und in der nötigen Zeit tut.
Warum es trotzdem schwer bleibt
Es wäre nun leicht, mit diesem Hoffnungsschimmer zu schließen. Aber das wäre der billige Trost, den dieser Essay sich versagt.
Denn die Bedingungen, unter denen Selbstbegrenzung gelingt, sind bei der Klimakrise besonders ungünstig. Die Fischer sahen ihre leeren Netze, die Folgen waren nah. Bei der Erwärmung sind sie fern. Die Fischergemeinschaft war klein und überschaubar, jeder kannte jeden, Verstöße fielen auf. Die Menschheit ist groß und anonym, und der größte Teil der Folgen trifft die, die am wenigsten mitentscheiden. Das Ozonabkommen betraf wenige Stoffe und wenige Hersteller. Der Umbau der Energie betrifft alles und jeden. Sie ist die Grundlage von allen entscheidenden Systemen. Die Aufgabe ist also nicht von derselben Art wie die gelösten Fälle, sondern ungleich größer. Wahrscheinlich die größte Herausforderung seit dem Bestehen der Menschheit. Und zugleich ihre Schicksalsfrage.
Das ist der nüchterne Stand. Selbstbegrenzung ist möglich, das ist bewiesen. Aber sie gelang bisher im Kleinen, im Nahen, im Überschaubaren. Die Klimakrise verlangt sie im Größten. Im Fernsten, im Unübersichtlichsten. Der Mensch müsste eine Fähigkeit, die er für die kleine Gruppe besitzt, auf die ganze Gattung und den ganzen Planeten übertragen. Das hat er noch nie getan. Es ist nicht bewiesen, dass er es kann. Es ist aber auch nicht bewiesen, dass er es nicht kann.
Die offene Frage
Damit steht der Essay am selben Punkt wie der Mensch am Fenster. Dieser hat die Situation gesehen. Die Frage ist, wie er nun handelt.
Nichts an seiner Natur zwingt ihn zur Zerstörung. Die vier Schichten erklären, warum es ihm schwerfällt, sich zu begrenzen. Sie beweisen nicht, dass er es nicht kann. Anlage ist nicht Schicksal. Ein Wesen, das seine eigenen Anlagen durchschaut, ist ihnen nicht mehr vollständig ausgeliefert. Es kann Ordnungen bauen, die den kurzen Blick ausgleichen, statt ihn zu belohnen. Es kann Erzählungen wählen, die es einbinden, statt zu erheben. Es kann die Bremse, die ihm die Natur nicht gab, aus Einsicht selbst setzen. Ob es das tut, weiß niemand.
Der Mensch ist das einzige Wesen, das seinen eigenen Untergang kommen sehen kann. Vielleicht ist er auch das einzige, das ihn deshalb abwenden kann. Beides steht offen, und es liegt ausschließlich bei ihm.
Epilog
Der Mensch am Fenster, mit dem dieser Essay begann, steht noch immer dort. Nichts an seiner Lage hat sich geändert. Der Himmel ist noch grau, die Nachrichten sind noch schlecht, und vor ihm liegt derselbe Tag mit seinen Wegen, seinen Pflichten, seinen Gewohnheiten.
Aber vielleicht sehen wir sein Verhalten jetzt anders. Am Anfang schien sein Wegsehen ein Rätsel. Wie kann einer wissen und trotzdem nicht handeln? Nun wissen wir, woher das kommt. Aus einem Körper, dem die Bremsen fehlen. Aus einem Kopf, der das Ferne nicht fühlt. Aus einer Erzählung, die ihn über die Natur stellt. Aus Ordnungen, die seinen kurzen Blick belohnen. Vier Schichten, die zusammen erklären, warum ihm das Naheliegende so schwerfällt. Sein Wegsehen ist kein Versagen des Einzelnen. Es ist die Summe von allem, was ihn geformt hat.
Und doch bleibt der Rest, der sich nicht wegerklären lässt. Er hat gesehen. Kein anderes Wesen an seiner Stelle hätte gesehen. Ein Reh, das die Wiese kahl frisst, ahnt nichts. Er jedoch, tief in seinem Innersten, ahnt es. Er kennt die Kurve. Er kann das Ende berechnen. Er weiß um seinen eigenen Anteil, auch wenn er ihn verdrängt. Diese Fähigkeit ist eine Last, denn sie nimmt ihm die Unschuld des Tieres. Sie ist zugleich das Einzige, worauf sich Hoffnung gründen ließe. Denn wer sehen kann, kann sich auch entscheiden.
Ob er es tut, ist nicht ausgemacht. Dieser Essay hat keine Prognose gegeben, weil es keine gibt. Er hat nur eine Trennung rückgängig gemacht. Jene zwischen dem Wissen und dem Leben, die den Menschen am Fenster kennzeichnete. Wer verstanden hat, warum er wegsieht, kann das Wegsehen nicht mehr ganz unbemerkt tun. Das ändert die Welt nicht. Aber es ändert vielleicht den Blick dessen, der sie darüber bewusst wird.
Der Mensch am Fenster wird sich wieder abwenden und seinen Tag beginnen. So wie wir alle. Die Frage ist nur, ob er das nächste Mal, wenn er wieder ans Fenster tritt, die Verbindung erkennt, die er heute noch nicht sieht. Zwischen der Welt dort draußen und dem eigenen Handeln.
Was wir nicht wissen, ist mehr geworden. Wir fragen weiter.