Das Rückflugticket
Warum können wir ein Land lieben, wenn wir es besuchen, und seine Menschen ablehnen, wenn sie zu uns kommen?
Über die selektive Offenheit des wohlhabenden Westens und was sie über uns verrät
Prolog
Der Spiegel
Stellen wir uns eine Szene vor, die nicht erfunden ist.
Jemand sitzt in einem Straßencafé in Marrakesch. Es ist Abend, der Platz füllt sich, Stimmen vermischen sich mit Musik, der Geruch von Gewürzen liegt in der Luft. Diese Person ist glücklich. Sie fotografiert, sie trinkt Minztee. So muss das Leben sein, denkt sie. Diese Lebendigkeit. Diese Farbe. Diese Fremdheit, die so wohltuend ist.
Drei Monate später ist dieselbe Person zu Hause. In der Zeitung liest sie, dass in der Nachbargemeinde eine Unterkunft für Geflüchtete eröffnet werden soll. Viele von ihnen kommen aus Marokko, aus Syrien, aus Afghanistan. Dieselbe Person unterschreibt eine Petition dagegen. Oder wählt eine Partei, die dagegen ist. Oder schweigt, was in diesem Zusammenhang dasselbe bedeutet.
Das ist keine Erfindung. Es ist ein weitverbreitetes Muster. Und es betrifft nicht nur die anderen.
Es betrifft auch uns.

Das Muster
Ein Widerspruch, der keiner sein soll
Wir reisen. Wir reisen viel, weit und mit wachsender Selbstverständlichkeit. Der Kulturtourismus in außereuropäische Länder ist in den letzten Jahrzehnten massiv gewachsen. Wir besuchen Märkte in Nordafrika, Tempel in Kyoto, Strände in Thailand, Basare in Istanbul. Wir kehren bereichert zurück. Wir erzählen von der Gastfreundschaft der Menschen, von der Tiefe der Kultur, von der Lebensfreude, die wir dort gefunden haben.
Und dann landen wir in Wien, in München, in Zürich, in Amsterdam. Und wir reden über Überfremdung. Dieser Widerspruch ist so verbreitet, dass er kaum noch als Widerspruch wahrgenommen wird. Er ist normalisiert. Er sitzt nicht nur in bestimmten politischen Lagern. Er sitzt in der Mitte der Gesellschaft. Bei Menschen, die sich selbst als weltoffen beschreiben, die mehrere Sprachen sprechen, die Diversität als Wert benennen würden. Und die trotzdem, wenn es konkret wird, wenn es nicht mehr um das romantische Andere in der Ferne geht, sondern um den konkreten Menschen nebenan, eine Grenze ziehen.
Diese Grenze ist nicht laut. Sie ist oft leise. Ein Unbehagen, das man nicht benennt. Eine Wahlentscheidung, über die man nicht spricht. Eine Meinung, die man nur im privaten Kreis äußert.
Diese Grenze ist real. Und sie ist das Thema dieses Essays.
Die Psychologie
Warum manche mehr als andere
Nicht alle Menschen reagieren gleich stark auf das Fremde in der Nähe. Die Forschung zur moralischen Psychologie liefert dafür eine belastbare Grundlage.
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat in jahrzehntelanger Arbeit beschrieben, wie Menschen unterschiedliche moralische Intuitionen unterschiedlich stark einschätzen und bewerten. Was ihn interessiert, sind nicht rationale Überzeugungen, sondern die emotionalen Reflexe, die Urteile erzeugen, bevor das Denken beginnt.
Menschen mit ausgeprägtem Ordnungs- und Kontinuitätsbedürfnis teilen bestimmte Grundmuster. Sie reagieren auf Unsicherheit mit stärkerem Alarm. Sie tolerieren Ambiguität schlechter. Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe hat für sie einen hohen Stellenwert. Und sie erleben das Fremde intuitiv als Bedrohung des Eigenen. Nicht als abstrakte Gefahr, sondern als etwas, das die vertraute Ordnung in Frage stellt.
Das ist keine Pathologie. Es ist ein evolutionäres Erbe. Eine Gruppe, die Fremdes pauschal willkommen heißt, ist vulnerabler als eine, die vorsichtig ist. Das Gehirn, das diese Disposition trägt, war für eine andere Welt optimiert. Eine Welt, in der Fremde selten waren, Ressourcen knapp und die eigene Gruppe der einzige verlässliche Schutz.
In einer Welt massiver Mobilität und rascher kultureller Veränderung wird dieses Gehirn dauerhaft aktiviert. Der Alarmzustand wird chronisch. Und chronischer Alarm sucht nach Objekten. Migration ist ein griffiges Objekt.
Was die Forschung auch zeigt: Diese Disposition ist nicht unveränderlich. Direkter, gleichwertiger Kontakt mit Fremden verändert Wahrnehmung nachweislich. Menschen, die Fremdes nicht nur medial kennen, sondern persönlich, entwickeln weniger Aversion. Nicht immer. Aber häufig genug, um es ernst zu nehmen.
Das Zugehörigkeitsgefühl
Wenn Identität zur Festung wird
Die Psychologie des Einzelnen erklärt einen Teil. Sie erklärt nicht alles.
Denn Ablehnung von Migration ist nicht auf Menschen mit hohem Ordnungsbedürfnis beschränkt. Sie findet sich, in variierenden Formen und Intensitäten, quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen. Was variiert, ist die Schwelle, die Sichtbarkeit und die Bereitschaft, die eigene Ablehnung zu rationalisieren.
Der gemeinsame Nenner ist tiefer als Persönlichkeitsstruktur. Er liegt in der Funktion von Identität selbst.
Identität braucht Grenzen. Nicht im physischen, sondern im psychologischen Sinn. Wer bin ich? Die Antwort entsteht immer auch in Abgrenzung. Ich bin das, was die anderen nicht sind. Ich gehöre dazu, weil andere nicht dazugehören. Das ist keine Pathologie. Es ist die Grundstruktur sozialer Identität, die in der Sozialpsychologie seit Jahrzehnten gut beschrieben ist.
Wenn diese Identität stark an Gruppe, Kultur, Sprache und Kontinuität gebunden ist, dann ist die Frage, wer dazugehört, existenziell aufgeladen. Nicht abstrakt, sondern konkret. Ein Mensch, der die vertraute Sprache nicht spricht, andere Rituale lebt, andere Referenzen hat, andere Selbstverständlichkeiten mitbringt, ist dann nicht einfach anders. Er ist eine Herausforderung an die eigene Identität, die als Bedrohung erlebt werden kann.
Das Paradoxe daran: Dieselbe Fremdheit, die im Urlaub begeistert und fasziniert, wirkt zu Hause bedrohlich. Der Unterschied liegt nicht in der Person. Er liegt im Kontext. Im Urlaub sind wir die Souveränen. Wir entscheiden, wann wir kommen und gehen. Wir sind neugierig und offen. Zu Hause ist die Souveränität nicht mehr gesichert. Der fremde Mensch und das Fremde kommen nicht auf Einladung. Sie kommen aus eigenem Antrieb.
Und das verändert alles.
Das Privileg des Gastes
Die Arroganz, die sich nicht als solche versteht
Es gibt etwas, das in dieser Diskussion selten beim Namen genannt wird. Nicht weil es verborgen wäre, sondern weil es so selbstverständlich erscheint, dass es unsichtbar geworden ist.
Wir können reisen. Nicht alle können das.
Ein österreichischer, deutscher oder schweizer Pass öffnet fast jede Grenze der Welt. Ein malischer, bangladeschischer oder syrischer Pass schließt die meisten. Die Mobilität, die wir als selbstverständliches Gut erleben, ist ein Privileg, das durch den Zufall der Geburt vergeben wurde. Es ist kein Verdienst. Es ist ein Zufall, der uns begünstigt hat.
Damit einher geht eine subtile, tief verankerte Überzeugung. Dass wir Gäste sein dürfen, dort, wo wir wollen, und dass wir bestimmen, wer bei uns zu Gast sein darf. Wir definieren die Bedingungen des Kontakts. Wir besuchen das Fremde und kehren ins Eigene zurück, mit der Selbstverständlichkeit derer, die nie fragen mussten, ob sie dürfen. Das Rückflugticket in der eigenen Tasche ist nicht nur eine Reisemöglichkeit. Es ist ein Ausdruck von Macht.
Wenn nun jemand kommt, ohne diese Option, einfach als Mensch, nicht auf Urlaub, aber dennoch mit eigenen Ansprüchen, eigenen Rechten, eigener Würde, dann gerät etwas ins Wanken. Nicht nur das Ordnungsbedürfnis. Das Selbstbild der Mächtigen.
Das Selbstbild des wohlhabenden Westens ist offiziell das eines aufgeklärten, weltoffenen, humanistischen Projekts. Wir glauben an Menschenrechte. Wir haben die Erklärung unterschrieben. Wir lehren sie in Schulen. Und dann stehen Menschen vor unserer Tür, für die diese Rechte gelten sollten, und wir finden Gründe, warum es diesmal anders ist.
Diese Spannung zwischen Selbstbild und Handeln ist keine Heuchelei im moralischen Sinn. Sie ist ein strukturelles Merkmal von Privilegien, die so tief sitzen, dass man sie nicht mehr als Privilegien erkennt. Man erkennt sie als Normalzustand. Und Normalzustände verteidigt man, wenn sie in Frage gestellt werden.
Wir alle
Ein Wir, das sich selbst nicht ausnimmt
Es wäre bequem, diesen Essay als Beschreibung eines Problems bei anderen zu lesen. Bei Menschen mit bestimmten politischen Überzeugungen, mit bestimmtem Bildungsniveau, aus bestimmten Milieus.
Das wäre ungenau.
Die Mechanismen, die hier beschrieben wurden, sind nicht das Eigentum einer Gruppe. Sie sind menschliche Grundmuster, die bei manchen stärker ausgeprägt sind als bei anderen, die bei manchen sichtbarer sind als bei anderen, die bei manchen politisch mobilisiert werden und bei anderen individuell rationalisiert. Aber sie sind in uns allen vorhanden.
Auch wer sich als weltoffenen Menschen beschreibt, hat seine Grenzen. Er hat sie meist nur anders gezogen. Er ist großzügig gegenüber dem Fremden in der Ferne und reservierter gegenüber dem Fremden in der Nähe. Er schätzt kulturelle Vielfalt als abstraktes Gut und empfindet Unbehagen, wenn die Vielfalt im eigenen Treppenhaus konkret wird. Er spricht von Integration und meint oft Assimilation. Das Fremde soll bleiben. Aber möglichst unauffällig.
Diese Form der Ablehnung ist leiser, höflicher, besser begründet. Oder zynischer. Sie zitiert Integrationsprobleme, Parallelgesellschaften, Belastungsgrenzen. Die Argumente sind nicht immer falsch. Aber sie werden selektiv eingesetzt. Gegenüber bestimmten Gruppen häufiger als gegenüber anderen. Gegenüber bestimmten Herkunftsländern häufiger als gegenüber anderen.
Das fällt auf, wenn man genau hinschaut. Und es fällt auf uns zurück.
Wer im Urlaub begeistert von der Gastfreundschaft der Menschen in einem Land erzählt und zu Hause gegen deren Aufnahme stimmt, hat keinen Widerspruch zwischen zwei Überzeugungen. Er hat eine einzige, sehr konsistente Überzeugung. Das Fremde ist schön, solange ich die Bedingungen des Kontakts kontrolliere. Und genau diese Überzeugung ist es, die wir betrachten müssen. Nicht bei den anderen. Bei uns.
Der spekulative Bogen
Was folgt, ist ausdrücklich Spekulation
Lässt sich das ändern? Und wenn ja, wodurch?
Die Antwort liegt nicht in der Aufklärung allein. Schulwissen allein ist kein Garant. Mehr Information führt nicht automatisch zu weniger Aversion. Oft führt sie zu besserer Rationalisierung derselben Aversion. Wer Ablehnung aus Überzeugung trägt, wird durch Fakten selten bekehrt.
Die Kontakthypothese ist überzeugender. Direkter, gleichwertiger Kontakt zwischen Menschen verschiedener Herkunft verändert Wahrnehmung. Das ist belegt. Die Einschränkung ist erheblich. Es muss gleichwertiger Kontakt sein. Kontakt in hierarchischen Verhältnissen, in denen eine Seite die Bedingungen setzt, verstärkt Vorurteile eher als er sie abbaut.
Das bedeutet, dass die Frage nicht nur lautet, ob wir bereit sind, Fremde zu empfangen. Die Frage ist, ob wir bereit sind, sie als Gleiche zu empfangen. Das ist eine andere, viel weitergehende Anfrage.
Eine zweite Möglichkeit liegt in der Narration. Gesellschaften, die eine andere Geschichte über sich selbst erzählen, entwickeln andere Selbstbilder. Länder, die Migration als Teil ihrer Identität verstehen, sind zwar nicht immun gegen Aversion, aber sie haben andere kulturelle Ressourcen, um mit ihr umzugehen. Das ist ein langsamer Prozess. Er läuft über Generationen.
Eine dritte Möglichkeit ist unbequemer. Sie wäre, dass ein Teil der latenten Xenophobie strukturell nicht auflösbar ist. Dass das evolutionäre Erbe, das Bedrohungswahrnehmung und Gruppendenken erzeugt, in einer Welt massiver Mobilität und kultureller Veränderung dauerhaft aktiviert bleibt. Und dass die Frage nicht ist, wie wir dieses Erbe abschaffen, sondern wie wir Institutionen bauen, die seinen destruktiven Wirkungen Grenzen setzen.
Das ist keine optimistische Aussicht. Aber sie dürfte realistischer sein als die Hoffnung, dass Aufklärung allein das Muster auflöst.
Was bleibt, ist die Frage, ob Empathie skalierbar ist. Ob das Mitgefühl, das wir für den konkreten Menschen nebenan aufbringen können, auf den abstrakten Menschen in der Ferne übertragbar ist. Oder umgekehrt, ob die Bewunderung für das Fremde in der Ferne auf den Fremden in der Nähe übertragbar ist.
Die Antwort ist nicht bekannt. Sie wird jeden Tag neu verhandelt.
Epilog
Das Rückflugticket ist kein neutrales Dokument. Es ist ein Ausdruck davon, wer in dieser Welt Bewegungsfreiheit hat und wer nicht. Wer Gast sein darf und wer Eindringling ist. Wer bewundert wird und wer gefürchtet.
Wir tragen es meistens in der Innentasche des Jacketts. Wir denken selten darüber nach.
Vielleicht wäre es an der Zeit.
Was wir nicht wissen, ist mehr geworden. Wir fragen weiter.